Macht ein großes Gehirn intelligent?

22. Oktober 2015
 

Hat die Größe des Gehirns etwas mit der Intelligenz von Menschen zu tun? Diese Frage fasziniert Wissenschaftler bereits seit mehr als hundert Jahren. Schon im Jahr 1836 schrieb der deutsche Physiologe und Anatom Friedrich Tiedemann, dass es zweifelsfrei einen sehr engen Zusammenhang zwischen der absoluten Gehirngröße und der intellektuellen Leistung geben müsse.

Mit der Entwicklung von bildgebenden Verfahren wie der Magnetresonanztomographie ist es nun möglich, das Gehirnvolumen von Menschen verlässlich zu untersuchen und mit ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit in Beziehung zu setzen.

Ein Team von Psychologen der Universitäten Wien, Göttingen und Tilburg in den Niederlanden hat sich der Sache nun angenommen. In einer Metaanalyse von 148 Studien mit insgesamt über 8.000 Versuchspersonen zeigten die Forscher, dass es nur einen schwachen Zusammenhang der Gehirngröße mit dem IQ gibt.

Dies gilt unabhängig von Geschlecht und Alter der Testpersonen. „Unsere Ergebnisse bedeuten, dass die Größe des Gehirns für den IQ nur eine untergeordnete Rolle spielt. Obwohl sich ein gewisser Zusammenhang nachweisen lässt, dürfte die Gehirngröße nur geringe praktische Relevanz haben. Vielmehr scheint die Struktur des Gehirns als biologische Grundlage von Intelligenz zu fungieren“, erklärt Jakob Pietschnig vom Institut für Angewandte Psychologie der Universität Wien.

Gehirnstruktur versus Gehirngröße

Die Wichtigkeit struktureller Aspekte, also des Aufbaus und der Vernetzung, im Gegensatz zur Gehirngröße ist bereits durch die Untersuchung verschiedener Spezies ersichtlich. Absolut gesehen ist nämlich der Pottwal Spitzenreiter, wenn es um die Größe des Gehirns geht. Bezieht man jedoch die durchschnittliche Körpermasse der jeweiligen Spezies mit ein, geht die Spitzmaus in Führung.

Aber auch beim Menschen gibt es Indikatoren, die einen hohen Zusammenhang zwischen Gehirnvolumen und Intelligenz in Frage stellen. Es ist zum Beispiel gut belegt, dass Männer im Durchschnitt größere Gehirne haben als Frauen. Geschlechtsunterschiede in genereller kognitiver Fähigkeit gibt es allerdings nicht. Ein weiteres Beispiel zeigt sich anhand von Personen mit Megalenzephalie, einer Vergrößerung des Gehirnvolumens, die im Allgemeinen unterdurchschnittliche IQ-Testleistungen erbringen. „Strukturelle Aspekte sind also auch innerhalb der Spezies Mensch wichtiger als die Gehirngröße“, resümiert Pietschnig.

Quelle: Universität Wien via idw

 

Jakob Pietschnig u. a.: Meta-analysis of associations between human brain volume and intelligence differences: How strong are they and what do they mean? Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 57, 2015, 411-432. DOI: http://dx.doi.org/doi:10.1016/j.neubiorev.2015.09.017 (Abstract)

 

Lesen Sie mehr über die Funktionsweise unseres Gehirns in unserem Artikel Das Gehirn ist anders, als wir denken aus unserer Juli-Ausgabe 2015.

 

 

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