Das Auto schrumpft Entfernungen

06. November 2015
 

Hinter dem Steuer mutiert ein biederer Büroangestellter zum Raser, ein gemütlicher Familienvater wird zum wilden Drängler. Das Auto verändert Menschen - nicht nur ihre Eigenschaften, sondern auch ihre Wahrnehmung. Psychologen der Universität Trier haben herausgefunden, dass Autofahrer Entfernungen falsch einschätzen und zwar um mehr als 40 Prozent zu kurz. Aus 20 Metern werden am Lenkrad "gefühlte" zwölf Meter.

Das ist nicht immer ein Problem. Diese generelle Fehleinschätzung könnte auf der Straße die wünschenswerte Folge haben, dass der Abstand beim dichten Auffahren tatsächlich größer ist, als der Fahrer annimmt. Aber andererseits erhöht sie das Risiko, die Distanz zu einer gelben Ampel zu unterschätzen und deshalb bei Rot auf die Kreuzung zu fahren. Eine weitere Gefahr droht, wenn die Strecke für das Überholen eines längeren Lastwagens falsch eingestuft wird. "Generell kann man sagen, dass die unterschiedlichen Distanzwahrnehmungen von Autofahrern, Radlern und Fußgängern vermutlich die Anpassung im Verkehr erschwert", fasst Studienleiterin Birte Moeller eine Folgerung aus den Ergebnissen ihres Experiments zusammen.

Der theoretische Hintergrund: Am Steuer eines Fahrzeugs verändert sich unsere Reichweite. Mit dem Auto rücken ferne Ziele plötzlich in die Nähe. Schon länger hatten Psychologen diesen Einfluss vermutet. Nur nachgemessen hatte bislang niemand.

Es liegt nicht am eingeschränkten Sichtfeld

Für ihre Studie hat die Psychologin Moeller Autofahrer und Fußgänger Entfernungen von vier bis 20 Meter schätzen lassen. Insgesamt beteiligten sich 45 Freiwillige an der Untersuchung. Die Probanden sollten die Entfernung zu Absperrkegeln schätzen. Dabei saßen sie entweder am Steuer eines parkenden Ford Escorts oder auf einem Stuhl. Während die auf dem Stuhl sitzenden Teilnehmer (Fußgänger) die Distanzen durchschnittlich um knapp 24 Prozent unterschätzten, verfehlten Autofahrer die richtigen Werte um etwas mehr als 40 Prozent.

Eine Fahrt mit dem Auto verschärft diesen Effekt. Nach einer zehnminütigen Fahrzeit schätzte die Autotestgruppe Entfernungen noch kürzer ein als zuvor. Dagegen hatte ein zehnminütiger Rundgang bei Fußgängern keine Auswirkung auf die Distanzwahrnehmung.

Das im Fahrzeug eingeschränkte Sichtfeld ist für diesen Effekt nicht verantwortlich. Diese Annahme schlossen die Wissenschaftler durch eine Kontrollgruppe aus. Diese blickte, auf einem Stuhl sitzend, durch einen Rahmen auf die Absperrkegel, hatten also einen Blick wie ein Autofahrer.

Die Wissenschaftler entdeckten noch ein weiteres Phänomen. Nach bisherigen psychologischen Erkenntnissen war zu erwarten, dass die Abweichungen mit der Entfernung zunehmen würden. Während die Fußgänger größere Distanzen tatsächlich stärker unterschätzten, blieben die Werte bei den Autofahrern annähernd gleich. Die Wissenschaftler vermuten, dass Fahrer 20 Meter als eine eher kurze Distanz empfinden und sich Abweichungen möglicherweise erst in einer größeren Entfernung einstellen werden.

Quelle: Universität Trier via idw
Birte Moeller, Hartmut Zoppke, Christian Frings: What a car does to your perception: Distance evaluations differ from within and outside of a car. Psychonomic Bulletin & Review, DOI: 10.3758/s13423-015-0954-9 (Abstract)

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