„Das ist doch Schiebung!“

10. Februar 2012
 

Echte Fußballfans können sich fürchterlich aufregen. Denn es ist aber auch ganz offensichtlich Schiebung im Spiel: Ständig entscheidet der Schiedsrichter zugunsten des Gegners, pfeift den Vorwärtspass des eigenen Teams ab, erkennt auf Abseits oder sieht einen Ball im Aus, der es nie und nimmer war! Doch die Entrüstung ist meist unbegründet. Die Anhänger unterliegen ganz einfach einer – durchaus sympathischen – Wahrnehmungsverzerrung.

Australische Forscher der Psychologischen Fakultät der University of Queensland und des Queensland Brain Institute haben herausgefunden, dass Fans die Aktionen ihrer Mannschaft nicht nur anders bewerten, sondern tatsächlich anders wahrnehmen als die Spielzüge der gegnerischen Elf.

Im Rahmen eines Experiments wurden Probanden willkürlich in rote und blaue Teams aufgeteilt. In einer Wettbewerbssituation sollten sie nun die Schnelligkeit ihres und die des gegnerischen Teams beurteilen. „Wir haben herausgefunden, dass sich die Testpersonen sehr schnell mit ihrer Gruppe identifizierten und durchweg der Meinung waren, dass die Bewegungen ihres Teams um Bruchteile einer Sekunde schneller waren als die des anderen Teams, auch wenn es sich tatsächlich um identische Bewegungen handelte“, sagt Studienleiter Pascal Molenberghs.

Das Forscherteam wandte nun zusätzlich die funktionelle Magnetresonanztomografie an, um die Hirnaktivität eines jeden Teilnehmers während des Experiments zu messen. Das Ergebnis: Wenn die Testpersonen ihr Team sahen, reagierte ihr Gehirn anders, als wenn sie die gegnerische Mannschaft im Blick hatten.

Wie sich herausstellte, waren die Probanden nicht bewusst parteiisch, sondern sie nahmen die Aktionen des eigenen Teams tatsächlich anders wahr als die der gegnerischen Mannschaft. „Das Gehirn der Probanden, die sich stark mit ihrem Team identifizierten, reagierte auf die Aktionen von Teamkollegen anders als auf die Aktionen anderer Testteilnehmer“, so Molenberghs. „Entscheidend ist jedoch, dass wir während der Experiments keine unterschiedlichen Hirnreaktionen nachweisen konnten, wenn es um bewusste Entscheidungen ging. Die Voreingenommenheit zugunsten unseres Teams scheint entgegen der landläufigen Meinung also tatsächlich unbewusst zu entstehen. Es ist so, dass unser Gehirn aufgrund des Zugehörigkeitsgefühls die Handlungen unserer Teammitglieder wohlwollender beurteilt.“

Der Forscher plädiert daher für einen Vertrauensvorschuss zugunsten der Unparteiischen: „Sollten wir demnächst also mal wieder der Meinung sein, die Schiedsrichter hätten sich gegen unsere Mannschaft verschworen, sollten wir im Kopf behalten, dass sich unser Zugehörigkeitsgefühl durchaus auf die Verarbeitung des Gesehenen auswirken könnte.“

Molenberghs ist der Meinung, dass diese Forschungsergebnisse weitreichende Relevanz haben. So könnten sie beispielsweise auch die Diskriminierung aufgrund von Rasse, Geschlecht und Nationalität erklären. Denn die Studie weist darauf hin, dass wir das Handeln von Menschen, die nicht unserer Gruppe angehören, anders sehen – und was wir sehen, das glauben wir.

Die Studie wurde in der Zeitschrift Human Brain Mapping veröffentlicht. Auch das Wissenschaftsjournal New Scientist berichtete man darüber.

Quelle: idw
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