Das will ich nicht wissen!

16. Juni 2017
 

Die eigene Zukunft kennen? Lieber nicht! Bei aller Neugierde: In den meisten Fällen wollen wir eher nicht erfahren, was uns erwartet.

Medizinische Gentests, Gesundheitsscreenings bei Neugeborenen, die alltägliche Wettervorhersage: Es scheint, als schauten Menschen gern in die Zukunft. Doch das Gegenteil ist der Fall. Neun von zehn Deutschen wollen lieber nicht erfahren, was die nächsten Jahre bringen. Das zeigt eine neue Untersuchung des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung mit dem Psychologen Gerd Gigerenzer.

In Gesprächen mit den Forschern haben mehr als 1000 Deutsche verschiedene Vorhersageszenarien durchdacht. Möchten Sie wissen, wann Ihr Lebensgefährte stirbt und woran? Wann Sie selbst sterben und weshalb? Würden Sie gern wissen, ob Ihre Ehe in die Brüche gehen wird? Wollen Sie erfahren, was Sie zu Weihnachten geschenkt bekommen – oder ob es ein Leben nach dem Tod gibt?

Alle Prognosen wollen nur wenige hören

Vor allem von den unguten Prognosen wollen die Deutschen nichts hören. Scheidung, Sterben und Tod: Je nach Szenario lehnten 86 bis 90 Prozent der Befragten ab, die Zukunft zu kennen. Doch auch wenn es um wenig bedrohliche Situationen ging, bleiben die meisten lieber unwissend.

Mehr als die Hälfte der Befragten möchte nicht vorab über Weihnachtsgeschenke oder Ergebnisse von Fußballturnieren informiert zu sein. Einzig das Geschlecht des eigenen ungeborenen Kindes wollen die meisten vorher wissen. Nur ein Prozent aller Befragten wäre bereit, alle Prognosen anzuhören.

Eine zweite Untersuchung mit Deutschen und Spaniern offenbarte zudem, dass Personen, die den Blick nach vorne besonders scheuen, eher eine Lebens- oder Rechtsschutzversicherung besitzen als Zukunftsinteressierte.

Unwissenheit als Schutz vor Enttäuschung

„Das legt nahe, dass Menschen, die Wissen über die Zukunft willentlich ignorieren, mit unangenehmen Nachrichten rechnen“, sagt Gigerenzer. Diese „willentliche Ignoranz“ sei eine Art Schutzmechanismus. Menschen scheuen Prognosen, „um negative Gefühle zu vermeiden oder um positive Gefühle aufrechtzuerhalten, wie etwa Vorfreude und Spannung“, heißt es in dem Forschungsbericht.

Und, ganz ehrlich: Wer will schon am Hochzeitstag erfahren, dass die Ehe vorm Scheidungsrichter landen wird?

Jana Hauschild/ EMT

Gerd Gigerenzer, R. Garcia-Retamero: Cassandra’s regret: The psychology of not wanting to know. Psychological Review, 124/2, 2017, 179–196. DOI: 10.1037/rev0000055 (pdf-Download)

Dieser Beitrag ist in leicht veränderter Form in der Ausgabe 07/2017 von Psychologie Heute erschienen, Titelthema "Gekonnt überzeugen". Weitere Meldungen zu interessanten aktuellen Studien finden Sie im Heft unter anderem in den Rubriken Themen & Trends sowie Körper & Seele.

Kaufen können Sie die aktuelle Ausgabe bei einer Verkaufsstelle in Ihrer Umgebung. Ein Abo für Psychologie Heute können Sie hier abschließen.

Aktuelle und frühere Ausgaben von Psychologie Heute und Psychologie Heute compact gibt es auch im Online-Shop.

Einzelne Artikel finden Sie in unserem Archiv.

Diesen Artikel:

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Michael Lehofer: Mit mir sein

Selbstliebe als Basis für Begegnung und Beziehung.
Braumüller Verlag, Wien 2017, 168 Seiten

19 €inkl. 7% MwSt.