Dein Schmerz ist mein Schmerz

10. Juni 2016
 

Der Schmerz anderer Menschen geht uns auch deshalb so nahe, weil wir ihn nachempfinden, als wäre es unser eigener: Im Gehirn des Beobachters werden Areale aktiviert, die für das Schmerzempfinden zuständig sind. Aber auch umgekehrt wird wohl ein Schuh draus: Dämpft man die eigene Schmerzwahrnehmung, so dämpft man damit auch das Mitgefühl.

Für diese Vermutung sprechen Indizien, die der Psychologe Claus Lamm und sein Team an der Universität Wien in einem trickreichen Experiment ermittelt haben (1). Sie unterzogen mehr als 100 Versuchsteilnehmer beiderlei Geschlechts einer „Placebo-Analgesie“: Die Probanden nahmen ein Scheinmedikament ein, von dem sie annahmen, es handele sich um ein wirksames Schmerzmittel. Tatsächlich schlug das „Präparat“ wie gewünscht an: Die Probanden empfanden weniger Schmerz.

Die Folgen dieser Schmerzdämpfung waren für die Forscher im Gehirn erkennbar: Bestimmte Zonen des insulären und des zingulären Kortex waren nun unteraktiv. Und genau „diese Bereiche im Gehirn sind als Teile des neuronalen Empathienetzwerks bekannt“, erläutert Lamm. Es scheint also, als ob mit dem Schmerz auch das Einfühlungsvermögen gedämpft wurde.

Claus Lamm nimmt an, dass beides mithilfe von körpereigenen Opiaten geschieht. Diesen Verdacht erhärtete sein Team in einem Zusatzexperiment: Diesmal gaben die Forscher 50 Probanden neben dem Placebo auch einen echten Wirkstoff, der die Andockstellen für die Opiate im Gehirn blockierte. Tatsächlich verschwand damit der Effekt: Weder der Schmerz noch die Empathiezentren wurden gedämpft.

Mit der Zeit stumpft das Mitempfinden ab

Auch durch Gewöhnung wird das Mitempfinden der Schmerzen anderer mit der Zeit stumpfer, wie die Psychologin Mira Preis mit ihren Kollegen an der Universität Göttingen nachgewiesen hat (2). Die Forscher zeigten ihren Probanden Fotos, auf denen Menschen akuter Schmerz zugefügt wurde. Wie erwartet, wurden beim Beobachten ähnliche Hirnstrukturen aktiv wie bei eigenen Schmerzerfahrungen. Doch als die Teilnehmer die Fotos erneut betrachteten, war diese Reaktion bereits schwächer – das Gehirn stumpfte also ab.

Dieser Reflex könnte für Ärzte und Sanitäter, die ständig mit dem Schmerz anderer konfrontiert sind, durchaus sinnvoll sein, meint Mira Preis: „Sie können sich dann darauf konzentrieren, anderen Menschen zu helfen, ohne durch zu starke Emotionen gelähmt zu sein.“

Thomas Saum-Aldehoff

Originalstudien:
(1) Markus Rüttgen, Claus Lamm u.a.: Placebo analgesia and its opioidergic regulation suggest that empathy for pain is grounded in self pain. PNAS, 2015, 112/41. DOI: 10.1073/pnas.1511269112
(2) Mira A. Preis u.a.: Neural Correlates of Empathy with Pain Show Habituation Effects. An fMRI Study. PloS ONE, 10/8, 2015. DOI: 10.1371/journal.pone.0137056

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