Dem hellen Licht entgegen

03. November 2017
 
An der Schwelle zum Tod: Mann läuft in helles Licht

Das berühmte helle Licht ist Teil vieler Nahtoderzählungen (Foto: Getty)

Gibt es die typische Nahtoderfahrung? Forscher von der Universität Lüttich haben herausgefunden: Die Erzählungen Betroffener sind individuell sehr unterschiedlich, bestimmte Motive tauchen aber immer wieder auf.

Niemand weiß, was Menschen erleben, wenn sie sterben. Doch manche, die dem Tod nahe waren, erinnern sich später an eindrucksvolle Erlebnisse, die manchmal zu einer Art Erzählung verwoben sind. Gibt es ein typisches „Narrativ“, einen Plot, der dabei immer wieder auftaucht, unabhängig von der Person und den Umständen der Todesnähe?

Dieser Frage sind jüngst Charlotte Martial und ihre Mitforscher an der Universität von Lüttich in Belgien nachgegangen. Sie analysierten die Aufzeichnungen von 154 Frauen und Männern, die schriftlich festgehalten hatten, was sie bei ihrer Begegnung mit dem Tod durchlebten. Das Ergebnis: Die typische Nahtodeserzählung gibt es nicht, die Geschichten sind von Mensch zu Mensch verschieden. Allerdings gibt es Motive, die in vielen der Erzählungen auftauchen.

Helles Licht und Begegnungen mit anderen

Das häufigste (und am wenigsten spezifische) dieser Motive ist ein Gefühl von tiefem Frieden, das 80 Prozent der Teilnehmer beschrieben. 69 Prozent berichteten, das berühmte „helle Licht“ erblickt zu haben, und 64 Prozent sprachen von Begegnungen mit Menschen oder anderen Wesenheiten. Selten hingegen war die Rede von einem beschleunigt dahinrasenden Fluss der Gedanken (5 Prozent) oder von Visionen zukünftiger Geschehnisse (4 Prozent).

Am häufigsten (35 Prozent) leitete ein außerkörperliches Erlebnis die Nahtoderfahrung ein: Die Betreffenden hatten also das Gefühl, aus ihrem leblos daliegenden Körper herauszutreten. Was sie dann weiter erlebten, war allerdings unterschiedlich. In 22 Prozent der so eingeleiteten Erzählungen folgte darauf der vielzitierte Tunnel, dann das helle Licht an dessen Ende und schließlich das schon erwähnte Gefühl von Frieden. Dass die Nahtodreise oft damit abschloss, dass der Reisende in seinen Körper zurückkehrte (36 Prozent), folgt einer gewissen Logik.

Charlotte Martial hofft nun, mehr darüber herauszufinden, welche dieser Elemente von Nahtoderzählungen eher die individuellen Erwartungen und den kulturellen Hintergrund der Erlebenden repräsentieren und welche mit universellen neurophysiologischen Mechanismen in Verbindung stehen.

TSA/ EMT

Charlotte Martial u. a.: Temporality of features in near-death experience narratives. Frontiers in Human Neuroscience, 11: 311, 2017. DOI: 10.3389/fnhum.2017.00311

 

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