Ein Rhythmus, bei dem jeder mitmuss

28. Oktober 2016
 

Musik und Bewegung gehören für uns zusammen. Ertönt ein Lied, fangen wir an zu tanzen - je nach Temperament mehr oder weniger explizit. Forscher aus Norwegen sagen: Erst der Ausdruck des Körpers ermöglicht uns, ein Lied richtig zu erfassen.

Wenn wir Musik hören, haben wir so einen Hang zum Zappeln. Dann wippen und tippen wir mit dem Fuß im Takt (oder was wir dafür halten), trommeln mit den Fingern auf der Tischplatte herum oder schnipsen mit denselben, nicken mit dem Kopf oder wiegen den Oberkörper hin und her. Besonders Ambitionierte führen ein Tänzchen auf. Warum nur tun wir das alles?

Rolf Inge Godøy und seine Kollegen von der Universität Oslo vertreten die Theorie, dass wir Musik unwillkürlich in Motorik übersetzen: Wann immer wir eine Melodie hören oder uns an sie erinnern, simulieren wir zumindest im Ansatz jene rhythmischen Schläge, Streich- oder Schüttelbewegungen, mit denen Menschen traditionell Musik erzeugen. Neben der akustischen Spur läuft in unserem Geiste stets eine Bewegungsspur mit, und erst diese doppelte Kodierung ermöglicht es uns nach dieser Theorie, die Form und Struktur der Musik wirklich zu erfassen.

Unsere Bewegungen ähneln sich

Wie Klangeigenschaften in Bewegung übersetzt werden, studierten Godøy und sein Team unter anderem mit Tänzern, aber auch in sogenannten sound tracing-Experimenten. Dabei hörten die Probanden jeweils drei Sekunden lange Klangmuster, die sich unter anderem in ihrer Dynamik unterschieden und darin, ob die Tonhöhe anstieg oder abfiel. Die Versuchspersonen hatten die Aufgabe, diese Klänge ganz nach Belieben mit Handbewegungen zu begleiten. Über Reflexleuchten in den Griffen, die die Teilnehmer dabei umklammerten, registrierten und speicherten die Forscher diese Bewegungsabfolgen.

Wie sich herausstellte, waren die Handtänze einander erstaunlich ähnlich: Die Übereinstimmung unter den Probanden betrug 70 Prozent. Auch zwischen den Eigenschaften der Musik und denen der Bewegungen fanden sich regelhafte Verknüpfungen. Zum Beispiel korrespondierte die Höhe, in der die Teilnehmer ihre Hände hielten, mit der Tonhöhe. Die Forscher aus Oslo wollen ihre Studien mit dem Ziel fortsetzen, eine Art Datenbank all der Regeln zu erstellen, nach denen wir Musik in Bewegung übersetzen.

TSA/ EMT

Rolf Inge Godøy u. a.: Exploring Sound-Motion Similarity in Musical Experience. Journal of New Music Research, 45/3, 2016, 210–222. DOI: 10.1080/09298215.2016.1184689 (Abstract)

 

Dieser Beitrag ist in leicht veränderter Form in der Ausgabe 11/2016 von Psychologie Heute erschienen, Titelthema "Sieh's doch mal so!". Weitere Meldungen zu interessanten aktuellen Studien finden Sie im Heft unter anderem in den Rubriken Themen & Trends sowie Körper & Seele.

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