Eine Frage des Kontexts
Serena Williams Augen sind fest zusammengepresst, ihr Mund ist weit aufgerissen. Sie sieht wütend aus. Zoomen wir aber aus dem kleinen Fotoausschnitt ihres Gesichts heraus, ergibt sich ein ganz anderes Bild: Der Tennisstar steht auf dem Platz, mit dem Schläger in der Hand. Ihre andere Hand ist zu einer Siegerfaust geballt. Sie ist keineswegs wütend, sie fühlt sich ekstatisch - schließlich hat sie gerade ihre Schwester Venus bei den U.S. Open besiegt.
„Der Kontext ist unglaublich wichtig, denn er bestimmt, wie wir ein Gesicht wahrnehmen“, erklärt die Psychologin Lisa Feldman Barrett von der Northeastern University. Es ist also keineswegs so, dass die wichtigsten Emotionen wie etwa Freude, Angst und Wut immer leicht erkannt werden können. Fehlt der Kontext, werden wir plötzlich unsicher, wie wir einen Gesichtsausdruck deuten sollen. Ein Stirnrunzeln allein bedeutet noch nicht viel. Sehen wir aber, dass ein Spaziergänger gerade mit einer Waffe bedroht wird, wissen wir sofort, dass er seine Stirn runzelt, weil er Angst hat. Beobachten wir stattdessen, wie gerade eine Kakerlake über den Arm unseres Tischnachbarn krabbelt, bedeutet das Stirnrunzeln nicht unbedingt Angst, sondern vielmehr Ekel. Eye-Tracking-Experimente konnten außerdem zeigen, dass Zusatz- und Hintergrundwissen sogar bestimmen, auf welche Gesichtsregion wir unseren Blick fokussieren. Der Kontext hilft uns also dabei, an der richtigen Stelle im Gesicht nach den entscheidenden Informationen zu suchen.
Barretts Studie ist dabei nicht nur eine nette psychologische Spielerei, die Erkenntnisse haben einen konkreten Nutzen. Menschen mit Demenz, aber auch Autisten haben manchmal Probleme, Emotionen in Gesichtern richtig zu erkennen. In Tests werden ihnen deshalb Fotos oder Zeichnungen einzelner emotionaler Gesichter vorgelegt. Dass sie hier häufig versagen, verwundert Barret nicht, schließlich haben selbst gesunde Probanden manchmal Schwierigkeiten, einen Gesichtsausdruck richtig zu deuten, wenn ihnen überhaupt keine Zusatzinformationen gegeben wurden. „Möglicherweise hätten sie ja im Alltag mit den richtigen Kontextinformationen sehr viel weniger Probleme“, so Barrett. Auch bei der Polizei wird anhand von Bildern trainiert, Emotionen wie Aggression oder Lügen in Gesichtern richtig zu erkennen. Barrett glaubt allerdings nicht, dass Bilder ganz ohne Kontext genügend Informationen enthalten: „Mimik ohne Kontext ist zu vieldeutig“, erklärt sie in der aktuellen Ausgabe von Current Directions in Psychological Science. Nur wenn wir alle Zusammenhänge in Betracht ziehen, wissen wir, worauf wir in einem Gesicht zu achten haben und deuten die Emotionen mit größerer Wahrscheinlichkeit korrekt.
SE
Quelle: APS
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