Entscheidungen: Im Zweifel das Vertraute

06. September 2011
 

Psychologen beschäftigen sich schon lange mit der Frage, welche einfachen Regeln den Menschen dabei helfen, Entscheidungen zu treffen. Eine dieser Regeln besagt, dass man sich bei der Wahl zwischen mehreren Objekten für jenes entscheidet, das man wiedererkennt. Wir entscheiden uns für das, was uns vertraut erscheint.

In Verhaltensexperimenten wurde dieses Bevorzugen vertrauter Alternativen bereits nachgewiesen. Nun lieferten saarländische Forscher erstmals auch den Hirnbeleg. „Wir konnten jetzt durch neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich der Entscheider hierbei tatsächlich durch ein Vertrautheitsgefühl leiten lässt“, sagt Studienleiter Timm Rosburg, Psychologe an der Universität des Saarlandes. Die Wissenschaftler konnten dabei sogar vorhersagen, welche Entscheidung die Versuchspersonen treffen werden, obwohl sie deren Vorwissen nicht kannten.

Rosburg und seine Saarbrücker Kollegen Axel Mecklinger und Christian Frings setzten dabei eine Technik der Elektroenzephalografie (EEG) ein. In der elektrischen Aktivität des Gehirns, die mit dem EEG indirekt erfasst wird, spiegelt sich das Gefühl der Vertrautheit in einem charakteristischen Ausschlag etwa 300 bis 500 Millisekunden nach Darbietung des jeweiligen „Reizes“ wider. In der Studie wurden den Testpersonen zwei Städtenamen genannt, dann sollten sie entscheiden, welches die größere Stadt ist. Wie erwartet, wählten die Versuchspersonen tatsächlich in 90 Prozent der Fälle den bekannten Städtenamen. Anhand der aufgezeichneten EEG-Daten konnten die Forscher feststellen, dass bekannte Städtenamen tatsächlich ein größeres Vertrautheitsgefühl hervorriefen.

„Der wichtigste Befund unserer Studie ist jedoch, dass wir die Antwort der Versuchspersonen mittels dieser frühen Hirnreaktion vorhersagen können. Das frühe Gefühl von Vertrautheit hat also wesentlichen Einfluss auf diese Art von Entscheidungen“, erläutert Christian Frings.

Das Vertrautheitsgefühl als Grundlage für Entscheidungen heranzuziehen ist keineswegs unsinnig, meint Frings. Ein solches Verhalten führe häufig zur richtigen Wahl. Im Versuchsbeispiel etwa ist die bekanntere von zwei zur Auswahl stehenden Städten meist tatsächlich die größere. Auch bei anderen Fragen wie etwa der, welcher Tennisspieler ein Match gewinnt, liege man mit dem prominenteren Spieler häufiger richtig, sagt Frings.

„Es gibt aber auch Situationen, in denen die Orientierung am Vertrautheitsgefühl zu nachteiligen Entscheidungen führt“, schränkt Timm Rosburg ein. „Das kann man etwa am Aktienmarkt beobachten: Bekanntere Unternehmen werden dort oft nach oben katapultiert, allein wegen ihrer häufigen Nennung in den Medien. Das sagt jedoch nichts über den inneren Wert einer Aktie aus.“

Die Saarbrücker Wissenschaftler wollen mit ihrer Studie auch der Gedächtnisforschung neue Impulse geben. „Bisher haben Psychologen die Frage, wie wir Entscheidungen fällen, vor allem in Verhaltensexperimenten untersucht. Durch unseren neurowissenschaftlichen Ansatz konnten wir erstmals nachweisen, dass das Vertrautheitsgefühl nicht nur beim Erinnern, sondern auch beim Entscheiden eine wichtige Rolle einnimmt“, erklärt Axel Mecklinger.

Die Erkenntnisse könnten auch dazu beitragen, schwierige Entscheidungsprozesse besser zu handhaben. „Wenn wir wissen, dass wir uns von vertrauten Dingen leiten lassen, sollten wir uns das in schwierigen Situationen bewusst machen und eine kritische Distanz dazu einnehmen“, meint Mecklinger. Die Forschungsergebnisse werden demnächst in der Fachzeitschrift Psychological Science veröffentlicht.

Quelle: idw
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