Es denkt in uns, ohne dass wir es merken

11. Oktober 2009
 

Wie nutzen intelligente Menschen ihr Gehirn? Ganz intensiv, möchte man meinen, überall im Schädel leuchtet und funkt es. In Wirklichkeit ist es umgekehrt: Je höher der IQ eines Probanden, desto sparsamer schaltet er während einer kniffligen Denkaufgabe sein Frontalhirn ein. Dort sitzt das Arbeitsgedächtnis, also jene Konstruktionswerkstatt, in der das Denken hauptsächlich stattfindet. Intelligente Menschen denken mit weniger Aufwand. Wie ist diese scheinbar so paradoxe Beobachtung zu erklären?

Eine plausible und von Forschungsbefunden gestützte Theorie lieferte der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth jetzt auf dem Publikumskongress „Geistesblitz und Neuronendonner“, den der Verein „Turm der Sinne“ vom 9. bis 11. Oktober in Nürnberg veranstaltete. Intelligente Menschen, so Roth, schonen ihr Arbeitsgedächtnis und halten damit ihr Bewusstsein frei für wirklich kreative Aufgaben, die neue Lösungswege verlangen. Alles andere verlagern sie „nach hinten“, in Denkvorgänge, die andernorts im Gehirn ablaufen. Sie komprimieren Informationen, nutzen visuelle Vorstellungsbilder und Denkroutinen. Viele dieser Hilfsdienstleistungen des Denkens sind unbewusst.

Intelligente Denker lassen also das Gehirn für sie denken und wenden ihre bewusste Aufmerksamkeit in der Zwischenzeit anderen Dingen zu.

Überhaupt sind unbewusste und vorbewusste Vorgänge viel stärker an dem, was wir mit unserem Geist tun, beteiligt, als wir bemerken. „Der Informationsfluss fängt im Unbewussten an“, gab John-Dylan Haynes vom Berliner Bernstein Center for Computational Neuroscience in seinem Vortrag Gerhard Roth recht.

Haynes’ Forschungsteam ist es mit komplexen Programmen zur Informationsverarbeitung gelungen, aus den Mustern der Gehirnaktivierung mit einer erstaunlichen Treffsicherheit vorherzusagen, an was die Betreffenden gerade denken. Mit diesen Verfahren ist es auch möglich, „verdeckte Absichten“ der Probanden aufzudecken, zum Beispiel ob diese sich vornehmen, gleich den rechten oder aber den linken zweier vor ihnen befindlicher Knöpfe zu drücken.

Der Clou ist nun, dass die Forscher solche verdeckten Absichten bereits sieben lange Sekunden vor deren Bewusstwerden vom Gehirn ablesen können. Sie wissen also sieben Sekunden vor dem Probanden selbst, wie dieser sich gleich entscheiden wird. Entscheidungen werden folglich in unserem Kognitionsapparat auf einer unbewussten Ebene vorbereitet und sogar gefällt, lange bevor wir selbst bemerken, dass und wie wir uns entschieden haben.

„Das Gehirn weiß mehr über die Außenwelt, als unserem Bewusstsein zugänglich ist“, sagte Haynes. Ständig greifen wir im Alltag bei komplexen Entscheidungen, die unser bewusstes Abwägen überfordern – etwa bei der Wahl des günstigsten Angebots im Dschungel der Handytarife –, auf unsere „Intuition“ zurück, also auf die unbewussten Analysezentren unseres Gehirns. Doch Intuition ist leider keine Zauberei, bedauert Haynes. „Auch intuitive Urteile benötigen immer eine intensive Kenntnis der relevanten Details.“ Nur wer sein Hirn zuvor gefüttert und sich Wissen angeeignet hat, kann sein Unbewusstes für sich denken lassen. Doch Wissenserwerb ist mühsam. Geschenkt wird einem auch beim intuitiven Denken nichts.

Gerade dieses ständige Wechselspiel zwischen Phasen intensiven, anstrengenden Lernens und dann wieder solchen, in denen man sich loseist und das Gelernte setzen lässt, ist charakteristisch für den kreativen Prozess, findet der Heidelberger Psychiater und Psychoanalytiker Rainer Holm-Hadulla. „Kreativität“ komme eben von creare, gestalten, aber auch von crescere, wachsen lassen.

Um die Dynamik zwischen harter Arbeit und Loslassen, zwischen „Flow und Frust“ gezielt zu nutzen, empfiehlt Holm-Hadulla feste Arbeitsrituale: zu bestimmten Zeiten intensiv arbeiten und sich nicht ablenken lassen, dann bewusst etwas anderes tun, damit sich die Dinge im Kopf setzen können. Für Ersteres braucht man Selbstüberwindung – und eine hohe Motivation, die am besten „intrinsisch“ ist, also von innen kommt: Man arbeitet dann am intensivsten, wenn man mit seinem „Selbst“ bei der Sache ist.

„Selbstbezug wirkt aktivierend“, bestätigte auch der Mediziner und Philosoph Georg Northoff von der kanadischen Universität Ottawa. Er und seine Kollegen zeigten Versuchspersonen unter dem Hirnscanner Bilder, die einen starken Bezug zu ihrer Person hatten – dem Konzertpianisten also etwa ein Piano. Wie sich herausstellte, aktivierte dieser Selbstbezug bei den Probanden das Belohnungssystem des Gehirns. „Irgendwie“, so Northoff, „scheint unser Selbst mit Belohnung zu tun zu haben.“

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