Extraversion GER, Extraversion USA

21. Oktober 2011
 

In sämtlichen Kulturen dieser Erde lässt sich die Persönlichkeit anhand von fünf großen Eigenschaftsskalen einsortieren – überall gibt es extravertierte und introvertierte, stabile und neurotische, verträgliche und weniger umgängliche, gewissenhafte und unorganisierte, offene und beharrende Charaktere. Pickt man sich also im Land X einen beliebigen Menschen heraus, so hat er auch im Land Y Wahlverwandte mit einer ganz ähnlichen Persönlichkeitsstruktur. Nur: Wie sich diese Persönlichkeit im täglichen Miteinander ausdrückt, unterscheidet sich von Kultur zu Kultur, selbst bei relativ ähnlichen Gesellschaften wie der amerikanischen und der deutschen.

Zu dieser neuen Einsicht gelangte nun ein Forschungsteam aus Williamsburg und Chemnitz bei einem Vergleich amerikanischer und deutscher Studentinnen und Studenten. 135 Erstsemester des College of William & Mary und 106 Studienanfänger der TH Chemnitz füllten einen Persönlichkeitsfragebogen aus und protokollierten zwei Wochen lang per Internet alle ihre sozialen Begegnungen, die länger als zehn Minuten dauerten. Sie notierten jeweils, was (etwa: Unterhaltung, Arbeit, Sex) sie mit wem (etwa: Freunde, Bekannte, der Lebensgefährte) getan und wie sie sich dabei gefühlt hatten: Wie angenehm empfanden sie den Austausch, wie ruhig und sicher, akzeptiert und gemocht fühlten sie sich, in welchem Maß konnten sie sich „einbringen“? Insgesamt fast 13.000 zwischenmenschliche Kontakte taxierten die Teilnehmer auf diese Weise, im Schnitt 45 (Deutsche) beziehungsweise 65 (Amerikaner) pro Tag.

Die Ergebnisse bestätigen, dass sich zumindest einige Persönlichkeitszüge der Teilnehmer sich in ihren Alltagsbegegnungen spiegelten. Dabei traten Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zwischen den beiden Ländern zutage. In beiden Ländern waren erstens verträgliche und zweitens gewissenhafte Charaktere mit ihren Kontakten zufriedener und fühlten sich dabei mehr im Lot mit sich selbst, als dies bei eher streitbaren oder unorganisierten Naturen der Fall war. Dies erschien den Forschern auch logisch:

Verträgliche Menschen sind harmoniebedürftig. Es ist ihnen von Natur aus wichtig, gut mit anderen auszukommen. Sie sind hilfsbereit und liebenswürdig und immer bereit, ihre eigenen Interessen zugunsten anderer hintanzustellen. Sie erleben die meisten ihrer Begegnungen als angenehm, weil sie offensives Auftreten von vornherein vermeiden.

Der Persönlichkeitszug „Gewissenhaftigkeit“ wiederum kennzeichnet disziplinierte und gut organisierte Menschen, die ihr Tagwerk minutiös planen und vorbereiten. Das betrifft auch Verabredungen und gemeinsame Vorhaben mit anderen: Sie sind verlässlich, erscheinen pünktlich und haben an alles gedacht. All das macht den Umgang leichter und ergiebiger – sowohl für die Personen, mit denen sie zu tun haben, als auch für die Betreffenden selbst: Wer in Begegnungen voll bei der Sache ist, zieht mehr praktischen und emotionalen Nutzen aus ihnen. Das gilt für Amerikaner wie für Deutsche gleichermaßen.

Bei den Persönlichkeitszügen „Extraversion“ und „Offenheit für Neues“ offenbarten sich dann aber Unterschiede zwischen den beiden Nationen. Studenten, die sehr extravertiert, und solche, die sehr aufgeschlossen gegenüber neuen Ideen sind, profitieren davon im Zwischenmenschlichen – aber nur in den USA. In Deutschland gehen diese Persönlichkeitseigenschaften weder mit befriedigenderen noch mit verdrießlicheren sozialen Kontakten einher.

John Nezlek, Astrid Schütz und ihre Mitforscher erklären das damit, dass in der amerikanischen Gesellschaft etwas andere kulturelle Werte geschätzt und gefördert werden als in der deutschen. Die amerikanische Gesellschaft, so vermuten die Psychologen, sei individualistischer und eher nonchalant im Umgang mit Widersprüchen. Beides kommt Persönlichkeiten vom extravertieren Schlag sowie solchen mit hoher Offenheit für Neues zugute: Ihre interessierte, offenherzige und wenig scheuklappenbehaftete Art entspricht in den USA der kulturellen Norm und wird daher im Alltag goutiert: Die Betreffenden erleben ihre Kontakte folglich befriedigender.

In Deutschland hingegen ist man ein wenig reservierter und weniger experimentierfreudig im Umgang mit fremden Standpunkten und Weltbildern. Jemand, der hemdsärmelig, nassforsch und mit spleenigen Ideen daherkommt, wird bei seinen Mitmenschen hierzulande also nicht unbedingt mit offeneren Armen aufgenommen als jemand, der eher reserviert ist und konventionelle Ansichten vertritt. Insofern haben Introvertierte in Deutschland vergleichsweise gute Karten: Sie haben genauso viele tägliche Kontakte wie Extravertierte und bewerten diese Kontakte auch nicht schlechter als ihre Temperamentsgegenspieler. In den USA hingegen bringt Extraversion sowohl in der Quantität als auch in der Qualität der zwischenmenschlichen Begegnungen Vorteile.

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