Fingerzeig ins Leere

27. November 2015
 

Menschen verständigen sich mit Worten. Doch fast immer unterstreichen sie das Gesagte zusätzlich mit Gesten, die für die Kommunikation viel wichtiger sind, als uns im Alltag bewusst ist. Umso ärgerlicher, wenn die Zeichensprache buchstäblich ins Leere läuft.

Bei Zeigegesten ist das häufig der Fall. Da erblickt man zum Beispiel einen Igel am Straßenrand oder erspäht am Nachthimmel das Sternbild des Orion, das sich heute ganz besonders festlich präsentiert. Aufgeregt weist man seine Begleitung auf die Entdeckung hin und deutet mit dem Finger in die Richtung. Vergebens! Der andere guckt und guckt, sein Blick trifft aber ums Verplatzen nicht das Ziel, auf das man doch so unmissverständlich weist.

Dass das weder an der Beschränktheit des Adressaten noch am krummen Finger des Zeigenden liegen muss, hat der Psychologe Oliver Herbort von der Universität Würzburg in einem Experiment demonstriert, das er jetzt im Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance vorstellt.

Die Geometrie des Senders ist nicht die Geometrie des Empfängers

Demnach beruht das Missverständnis zwischen dem Sender und dem Empfänger der Geste auf der unterschiedlichen Wahrnehmungsperspektive, die beide einnehmen. Sie berechnen den Richtungsvektor zu dem Ziel, auf das der Finger zeigt, jeweils anders. „Die geometrischen Regeln, die beschreiben, auf welche Art eine Person auf etwas zeigt, unterscheiden sich von den Regeln, die zur Interpretation von Zeigegesten herangezogen werden", sagt Herbort.

Derjenige, der etwas zeigen möchte, bringt – aus seiner Perspektive – die Fingerspitze in die Nähe des zu zeigenden Objektes. Auge, Fingerspitze und das Objekt liegen in etwa auf einer Linie. Der Adressat seiner Botschaft hingegen nimmt die zeigende Person mit ins Bild. Er verlängert die Linie, die sich aus Schulter, Arm und Zeigefinger ergibt, in Richtung des Fingerzeigs (siehe Abbildung). „Dies führt dazu, dass der Betrachter oft viel zu hoch blickt“, erklärt Herbort.

„Im Alltag zeigen wir sehr oft, und das schon ab dem Kleinkindalter“, so der Wahrnehmungspsychologe aus Würzburg. „Dennoch scheint es kaum jemandem klar zu sein, dass Zeigegesten systematisch fehlinterpretiert werden.“ Die entstandenen Missverständnisse müssten dann oft sprachlich ausgeräumt werden.

Stille Post beim Zeigen: Das Ziel wandert immer höher

In dem Experiment, dessen Aufbau auch von Würzburger Studierenden mitgestaltet wurde, hatten die Testpersonen unter anderem die Aufgabe, auf eine bestimmte Zahl auf einem Zahlenstrahl zu deuten. Dabei wurde per Computeranalyse die Körperhaltung genau festgehalten. In anderen Versuchsdurchgängen mussten die Testpersonen Zeigegesten anderer interpretieren.

Dass der Empfänger der Botschaft das Ziel – aus Sicht des Senders – stets etwas zu weit oben verortet, lässt sich mit einer einfachen experimentellen Anordnung demonstrieren. Zwei Versuchsteilnehmer zeigen abwechselnd auf Zahlen auf einem von oben nach unten verlaufenden Zahlenstrahl. Beide haben die Aufgabe, immer nur auf die Zahl zu zeigen, auf die der andere gerade gedeutet hat. Im Idealfall würden beide also immer auf die gleiche Stelle weisen. Dennoch zeigen die Versuchspersonen zusehends auf immer höhere Positionen, wie die Forscher in einem Video festgehalten haben.

Für den Alltag bedeutet dies: Wer mit Zeigegesten arbeitet, sollte sich nicht wundern, wenn sein Gegenüber ihn nicht versteht. Gleichzeitig sollte man nie zu sicher sein, dass man korrekt interpretiert, worauf andere jeweils zeigen – im Zweifelsfall lieber noch einmal nachfragen!

Quelle: Julius-Maximilians-Universität Würzburg via idw
Originalarbeit:
Oliver Herbort, Wilfried Kunde: Spatial (mis-)interpretation of pointing gestures to distal referents. Journal of Experimental Psychology – Human Perception and Performance, DOI: 10.1037/xhp0000126

 

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