Kleine Gefallen stärken die Freundschaft

20. November 2015
 

Sie möchten neue Freundschaften schließen? Statt zu versuchen, sich stets im besten Licht zu präsentieren, sollten Sie Ihre Bekannten lieber um einen Gefallen bitten. Kleine Schwächen zu offenbaren, kann Nähe herstellen.

Beim Schließen neuer, hoffnungsvoller Bekanntschaften bemühen sich die meisten Menschen, einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen. Aus Angst, abgelehnt zu werden oder das erst allmählich entstehende Gefühl von Nähe frühzeitig zu zerstören, präsentieren sie sich im günstigsten Licht. Schwächen zeigen? Lieber nicht! Tatsächlich kann aber gerade das hilfreich sein.

Eine aktuelle Studie aus Japan bestätigt diese Erkenntnis anhand von zwei Experimenten, die die Sozialpsychologin Yu Niiya in Japan und den USA durchführte – zwei Kulturen mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen vom Selbst und Menschsein, wie die Autorin in ihrem kürzlich erschienenen Artikel schreibt. Das Gefühl von Sympathie durch die Bitte um einen Gefallen zu erhöhen, scheint aber in beiden Gesellschaften zu funktionieren.

Die an der Hosei University in Tokio tätige Professorin Niiya spricht in ihrer Untersuchung dabei von Amae. Das ist ein japanisches Konzept, das „ein Gefühl, eine Verbindung, ein Motiv, ein Verhalten oder sogar einen Glauben“ beschreiben kann. In der Studie versteht sie darunter die Bitte um Unterstützung bei einer Aufgabe, die der Bittsteller eigentlich selbst erledigen könnte und müsste.

Die Zuneigung ist nach erfolgter Hilfe größer

In der Versuchssituation wurden die Probanden – in Japan waren es 41, in den USA 42 Personen –instruiert, je sechs verschiedene Rätsel zu lösen. Neben ihnen saß jeweils eine zum Team gehörende weibliche Person, die als Mitproband vorgestellt wurde. Als Scheinziel formulierten die Versuchsleiter, prüfen zu wollen, inwieweit die Anwesenheit anderer die Einzelleistung beeinflusst. Zwar solle jeder möglichst allein arbeiten, den Nachbarn um Hilfe zu bitten, sei aber erlaubt.

Die Probanden erhielten zuerst immer drei einfache Rätsel, sodass sie stets als Erste fertig waren. In einer Gruppe bat das verdeckte Teammitglied die Teilnehmer dann selbst um Hilfe bei einem Rätsel, in der anderen instruierte der Versuchsleiter sie, die fremde Aufgabe zu übernehmen. Anschließend stuften die Versuchspersonen wie schon zu Beginn des Experiments anhand von Fragebögen unter anderem ein, wie sympathisch ihnen die Sitznachbarin war und wie nahe sie sich ihr fühlten.

Tatsächlich waren das Gefühl der Zuneigung und Nähe sowie der positive Eindruck sowohl bei den Japanern als auch bei den Amerikanern nach der Aufgabe größer, wenn nicht der Versuchsleiter die Unterstützung angewiesen, sondern die vermeintliche Mitstreiterin sie darum gebeten hatte.

Das Gefühl der Nähe wächst

Zwar kann auch die bloße physische Nähe zu einer anderen Person das Gefühl von Gemeinsamkeit verstärken und sogar Freundschaften begünstigen, die Ergebnisse dieser Untersuchung aber zeige, dass die Bitte um einen Gefallen noch stärker wirke, so Autorin Niiya.

Auch die in anderen Studien überprüfte Theorie, dass wir die durch die erteilte Hilfe verursachten Kosten kognitiv zu rechtfertigen versuchen, indem wir die andere Person emotional aufwerten, trete hier nicht zutage: Die stärkere Nähe werde in der Versuchsleiter-Bedingung nicht in gleichem Maße empfunden, obwohl die Versuchspersonen die gleiche Anstrengung unternehmen mussten.

Zwar kann die Studie durchaus als Argument herangezogen werden, keine Scheu zu haben, auch Fremde um einen kleinen Gefallen zu bitten. Zu weit sollte man dabei jedoch auch nicht gehen: Eine zu weitreichende oder gar unverschämte Forderung kommt selten gut an – bei neuen wie bei alten Bekannten.  

Eva-Maria Träger

Yu Niiya: Does a favor request increase liking toward the requester? The Journal of Social Psychology, 2015, online vor Print. DOI: 10.1080/00224545.2015.1095706 (Abstract)

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