Klick, klick – die Vokabeln sitzen!

24. Mai 2013
 

Ob Nürnberger Trichter, Ritalin oder tiefe Hirnstimulation – es ist offensichtlich ein alter Traum der Menschheit, nach Mitteln zu suchen, die das Gedächtnis verbessern könnten. Noch relativ neu ist die Erkenntnis, wie wichtig Schlaf ist, damit Gelerntes auch im Kopf bleiben kann. Einen neuen Lernweg scheinen jetzt Wissenschaftler der Universitäten Tübingen und Lübeck gefunden zu haben. Sie stimulierten mit Klickgeräuschen die langsamen Hirnwellen, die im Tiefschlaf – Neurophysiologen sprechen vom Deltaschlaf – gebildet werden. Am nächsten Morgen konnten sich die Teilnehmer der Studie besser an Vokabeln erinnern, als in einer Nacht ohne Stimulation.

Eine Reihe von Studien weist darauf hin, dass Gelerntes in der Nacht vom temporären Speicher im limbischen System ins Langzeitgedächtnis übertragen wird. Dabei sind die Phasen des traumlosen Schlafes entscheidend für das deklarative Gedächtnis, also den Teil des Gedächtnisses, in dem das Faktenwissen gespeichert wird. Der Schlafforscher Jan Born und seine Kollegen entwickelten nun eine Technik, mit der sie das Gehirn bei seiner Konsolidierungsarbeit im Tiefschlaf wirksam unterstützen konnten.

Für den Test mussten Studenten sogenannte Assoziationspaare von Wörtern lernen, ein Testverfahren, das in der experimentellen Psychologie häufig eingesetzt wird. 120 Wortpaare, die in diesem Fall zueinander passten wie zum Beispiel das Haus zum Schloss, das Blatt zum Grün und das Quadrat zum Kreis.

Borns Team hatte für das Experiment eine Software entwickelt, die kurze und leise Klickgeräusche produzierte. Über Kopfhörer spielten sie die Töne mehrere Nächte lang den schlafenden Testpersonen vor. Die besten Ergebnisse wurden erzielt, wenn die Geräusche jeweils in dem Moment ertönten, als die langsame Hirnwelle ihren Höhepunkt erreicht hatte. Dann konnten sich die elf Teilnehmer an die gelernten Wörter signifikant besser erinnern. Messbar schlechter fiel der Test aus, wenn die Forscher die Töne nicht im Rhythmus mit den langsamen Schwingungen abspielten.

„Die Stimulation bewirkte zum einen, dass die langsamen Wellen eine höhere Amplitude, also einen höheren Schwingungsgrad, erreichten. Zum anderen verlängerten sich die Zyklen der Wellen“, berichtet Jan Born vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität Tübingen. „Das Schöne ist, dass es sehr einfach ist, das Gehirn mit Geräuschen geringer Lautstärke zu stimulieren“, erklärt Born. Man braucht dafür, abgesehen von einem EEG-Gerät, nur handelsübliche Kopfhörer und eine leicht zu erstellende Software für die Klickgeräusche.

Letzten Endes ist es also nur eine Frage der Ingenieurskunst, damit der Transfer aus dem Labor in den Alltag gelingen kann. Auch ethische Gründe sprechen für das neue Verfahren, besonders im Vergleich zur elektrischen Hirnstimulation, deren Anwendung aufgrund der Gefahr von Nebenwirkungen immer wieder kritisiert wird.

Inwieweit lässt sich die sanfte Geräuschmassage auch für therapeutische Zwecke einsetzen? „Einen therapeutischen Nutzen für Einschlafstörungen gibt es wohl eher nicht“, bedauert der Psychologe Jan Born. Die Klicks wirken ja nur während des Tiefschlafs, während das Gedächtnis stabilisiert wird. Allerdings verstärken sie den Tiefschlaf und könnten damit auch kognitive Fähigkeiten verbessern. Eine einfache und nebenwirkungsfreie Hilfe wäre die Massage mit Tönen daher zum Beispiel für alte Menschen, die unter Insomnie, also Schlaflosigkeit, leiden. Bei ihnen ist der Deltaschlaf wegen des ständig unterbrochenen Schlafes besonders verkümmert. Vielleicht sind Stimulierungen durch Geräusche also doch eine moderne und vor allem wirksame Form des Nürnberger Trichters.

Angelika Sylvia Friedl

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