Kritik? Lieber nicht!

29. Dezember 2016
 

Lob gefällt uns besser als Tadel, so viel ist klar. Tatsächlich gehen wir laut einer aktuellen Studie aber so weit, dass wir andere meiden, wenn sie uns kritisch beurteilen.

Konstruktive Kritik ist wichtig und hilfreich. Aber mal Hand aufs Herz: Wie viele Menschen gibt es in Ihrem Bekanntenkreis, die Ihr Verhalten offen und ehrlich kritisieren? Wenn Sie solche Personen an den Fingern einer Hand abzählen können, stehen Sie nicht allein da: Die amerikanische Forscherin Francesca Gino und ihre Kollegen von der Harvard Business School fanden kürzlich heraus, dass wir uns generell ungern mit Menschen umgeben, die uns kritisches Feedback geben, egal, wie gut sie es damit meinen. „Wir neigen dazu, diese Personen aus unserem Bekanntenkreis auszuschließen“, so Gino.

Ihre Beobachtung beruht auf einer Untersuchung in einem US-Lebensmittelunternehmen mit mehr als 300 Angestellten. Statt Leistungsbeurteilungen von Vorgesetzten erhielten die Beschäftigten jedes Jahr eine Rückmeldung von ihren Kollegen. Zusätzlich sollten alle Angestellten ihre eigene Arbeit evaluieren. Dabei gaben sie auch an, mit welchen Kollegen sie ihre Pausen und Freizeit verbrachten. Gino und ihr Team werteten Informationen aus insgesamt vier Jahren aus. Dabei stellten sie fest: Mit der Kritikfähigkeit war es nicht weit her.

Wir schließen Kritiker aus unseren Kreisen aus

Beurteilte ein Mitarbeiter auf einer Sieben-Punkte-Skala die Leistung eines Kollegen auch nur einen Punkt schlechter, als dieser sich selbst einschätzte, sank die Wahrscheinlichkeit, dass beide im selben Bekanntenkreis bleiben würden, um fast die Hälfte (44 Prozent). „Angestellte, die den kritischen Kollegen nicht einfach aus ihrem Netzwerk ausschließen konnten, begannen wiederum, mehr Zeit mit Mitarbeitern außerhalb dieser Gruppe zu verbringen“, berichtet Gino. In anschließenden Experimenten mit rund 900 Freiwilligen fanden die Wissenschaftler den Grund heraus: Der Einzelne fühlte sich von der Kritik bedroht.

Menschen sind generell auf ein positives Selbstbild angewiesen und versuchen es zu erhalten, „auch durch das Meiden von Kritik“, sagt Gino. Sie rät jedoch: „Wer seine Arbeitsleistung verbessern möchte, sollte seine Beziehungen zu Menschen, die ihn kritisch hinterfragen, überdenken.“ Ihr Feedback ist zwar nicht angenehm – aber dafür nützlich.

Anna Gielas/EMT

Paul Green, Francesca Gino, Bradley Staats: Shopping for confirmation: How threatening feedback leads people to reshape their social network. Working paper, 2016.

Dieser Beitrag ist in leicht veränderter Form in der Ausgabe 01/2017 von Psychologie Heute erschienen, Titelthema "Gelassen bleiben". Weitere Meldungen zu interessanten aktuellen Studien finden Sie im Heft unter anderem in den Rubriken Themen & Trends sowie Körper & Seele.

Kaufen können Sie die aktuelle Ausgabe bei einer Verkaufsstelle in Ihrer Umgebung. Ein Abo für Psychologie Heute können Sie hier abschließen.

Aktuelle und frühere Ausgaben von Psychologie Heute und Psychologie Heute compact gibt es auch im Online-Shop.

Einzelne Artikel finden Sie in unserem Archiv.

Diesen Artikel:

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Das weite Land der Seele

Von Georg Psota, Michael Horowitz

Über die Psyche in einer verrückten Welt. Residenz Verlag 2016, 251 Seiten

22,- €inkl. 7% MwSt.