Grenzen fördern Kreativität

01. Dezember 2016
 

Studenten, Wissenschaftler, Schriftsteller und, ja, auch Journalisten kennen sie: die Angst vor dem weißen Blatt. Der US-Sachbuchautor John McPhee empfiehlt bei Schreibblockaden, Wörter so „herauszuschleudern“ wie man „Matsch gegen eine Wand schmeißen würde“. So entstehe wenigstens ein Kern, von dem aus man weiterarbeiten kann. Catrinel Haught Tromp von der amerikanischen Rider University sieht diese Strategie als Beleg für eine Vermutung, die sie jüngst in zwei Experimenten untersucht hat: Gewisse Vorgaben regen die Kreativität an.

Als Grundlage bediente sich Haught Tromp der Green Eggs and Ham-Hypothese: Bei der Geschichte Grünes Ei mit Speck hatte der US-Kinderbuchautor Dr. Seuss nur 50 verschiedene Wörter benutzt – eine Aufgabe, die sein Verleger ihm zuvor gestellt hatte. Die Forscherin wertete die Daten von insgesamt 105 Studenten aus, die sie gebeten hatte, zu bestimmten Themen Grußkartensprüche zu dichten. Im ersten Durchgang sollten die Teilnehmer dabei bestimmte Wörter wie „Frosch“ oder „Hund“ berücksichtigen, im zweiten nicht – oder umgekehrt. Drei unabhängige Beurteiler stuften die Zeilen dann hinsichtlich ihrer Kreativität ein.

Tatsächlich waren die Reime, die unter Vorgaben entstanden waren, kreativer. Ein Beispiel: “I love you as much as a dog loves his bone / And a teen loves his phone” (Ich liebe dich wie ein Hund seinen Knochen / und ein Teenie sein Telefon).

Haught Tromp nimmt an, dass das möglicherweise auch an der Art der zu integrierenden Wörter liegt. Die Herausforderung, einen „Hund“ in einer Grußkarte unterzubringen, habe die Probanden gezwungen, ungewöhnliche Gedankenwege zu gehen – und das führt üblicherweise zu kreativeren Lösungen. Zudem wirken Vorgaben, selbst wenn sie so beliebig sind wie in der „Matschtechnik“ von Autor McPhee, offenbar wie Anker, die helfen, das Suchfeld zu verengen und stärker in die Tiefe zu denken. Zumindest bei der Suche nach kreativen Lösungen können Grenzen also durchaus eine Befreiung bedeuten.

Eva-Maria Träger/ AB

Quelle:
Catrinel Haught-Tromp: The green eggs and ham hypothesis: How constraints facilitate creativity. Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts, Apr 14 , 2016. DOI: 10.1037/aca0000061

Dieser Beitrag ist in etwas abgewandelter Form in der aktuellen Dezember-Ausgabe von Psychologie Heute erschienen, Titelthema "Heimat finden – Ein Zuhause schaffen, Wurzeln schlagen, sich zugehörig fühlen".

 

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