Musik trainiert den Zukunftssinn

08. Juli 2016
 

Das Herz schlägt schneller, die Handinnenflächen werden feucht, der ganze Körper spannt sich an. Später, wenn sich alles in Wohlgefallen aufgelöst hat, spüren wir wohlige Erleichterung. Das Herz beruhigt sich wieder, die Muskeln lockern sich, wir atmen auf. Schon wenige Klänge können das auslösen: Wenn wir Musik hören, produziert unser Gehirn fortwährend Vorstellungen darüber, wie Melodie, Rhythmus, Takt, Klangfarbe und Tempo des Stückes weitergehen könnten, und ordnet diese Merkmale zu Konzepten, etwa so wie Maler Linien zu Formen arrangieren.

Normalerweise endet eine Akkordfolge mit einer befriedigenden Auflösung, dem sogenannten Ganzschluss. Hat der Komponist jedoch in letzter Sekunde einen unerwarteten Akkord eingefügt, der keine Auflösung bringt und uns sagt, dass das Stück noch nicht zu Ende ist, aktiviert das Gehirn eine emotionale Reaktion, die wir als Überraschung oder Spannung empfinden. Diesen musikalischen Trugschluss, eine vielfach verwendete Kompositionsfigur in der abendländischen Musik von Bach bis zu den Beatles, vergleicht der Montrealer Psychologe, Musiker und Neurowissenschaftler Daniel Levitin, mit einem Taschenspielertrick vor Publikum: „Zauberer erzeugen Erwartungen und verstoßen dann gegen diese, und dabei weiß man nie, wie genau oder wann sie das tun. Das Gleiche tun Komponisten.“

Was beim musikalischen Trugschluss im Gehirn passiert, macht sich körperlich bemerkbar und ist messbar, auch bei nicht musikalisch ausgebildeten Menschen und sogar solchen, die sich für unmusikalisch halten, sagt Stephan Koelsch, Psychologe, Musiker und Hirnforscher an der Freien Universität Berlin, und verweist auf eigene Studien am Max-Planck-Institut in Leipzig: „Ob bewusst oder unbewusst, wir haben ein Wissen über Regeln in der Musik, die wir häufig hören.“ Neurowissenschaftler wie Koelsch oder Levitin arbeiten daran, den neuronalen Code der musikalischen Erwartungen und Emotionen zu verstehen.

Das ganze Gehirn hört mit

Netzwerke im Gehirn, die für die Verarbeitung von Sprache zuständig zu sein scheinen, verarbeiten offensichtlich auch Musik. Doch nicht nur sie. Dank der bildgebenden Verfahren weiß man, dass fast alle Bereiche des Gehirns auf Musik reagieren – die rechte und die linke Hirnhälfte, die vordere und die hintere Region, dazu die Amygdala und viele andere Strukturen unterhalb der Hirnrinde. Ein Musikzentrum im Gehirn gibt es nicht.

Doch warum ergreift Musik uns emotional? Schnelle Rhythmen, dissonante Intervalle, laut gespielt, erregen. Langsame Rhythmen, reine Intervalle, in absteigenden Tonfolgen beruhigen. Bildgebende Verfahren zeigen, dass Musik, die als angenehm empfunden wird, die Aktivität der Amygdala hemmt und die des Nucleus accumbens, einer Schaltstelle des Belohnungssystems, steigert. Das Dämpfen der Amygdala vertreibt Angst und Unruhe, und die Aktivierung des Nucleus accumbens löst Glücksgefühle aus.

Das Hören und noch mehr das Spielen von Musik kann die chemischen Vorgänge im Gehirn beeinflussen, die mit Wohlbefinden, Stressabbau und einer Stärkung des Immunsystems zusammenhängen. Der Oxytocin-Spiegel steigt, wenn Menschen gemeinsam singen. Oxytocin bewirkt, dass wir uns wohlfühlen, Vertrauen und Verbundenheit mit anderen empfinden. Studien zeigen, dass auch die Konzentration des für unsere Abwehrkräfte wichtigen Antikörpers Immunglobulin A durch Musik steigt. Und genau wie Antidepressiva verändert Musik den Serotoninspiegel. Dieser Botenstoff ist eng mit der Regulierung von Stimmungen verknüpft. Levitin verweist auf Studien, wonach der Serotoninspiegel steigt, „wenn man Musik hört, die man als angenehm empfindet. Und verschiedene Musikgenres lösten unterschiedliche neurochemische Reaktionen aus.“

Ruhiger, langsamer, dunkler in der Klangfarbe, kleine Intervalle und weniger bewegt in der Melodieführung: Die Merkmale trauriger Musik ahmen unsere Sprechweise nach, wenn wir Trauriges zu berichten haben. Außerdem haben wir über die Jahre gelernt, Musik in Moll bei Beerdigungen oder traurigen Filmen mit Schwermut zu assoziieren. Komponisten, die Traurigkeit ausdrücken wollen, wechseln in diesen Modus. Manche Menschen hören sich bewusst traurige Musik an, wenn sie in trauriger Stimmung sind – und das ist keineswegs masochistisch. Traurige Musik, so der Neurowissenschaftler David Huron von der Ohio State University, setzt Prolaktin frei. Das Hormon wirkt emotionalen Belastungen entgegen und puffert das Stimmungstief ab.

Diesen Artikel:

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Die kleinste Familie der Welt

Von Bernadette Conrad
Vom spannenden Leben allein mit Kind. Btb, München 2016, 349 Seiten

16,99 €inkl. 7% MwSt.