Musikalische Endlosschleife

15. November 2011
 

Unser Gehirn hat seine eigene Jukebox, mit der es uns nach Belieben beschallt. Nervig ist das vor allem dann, wenn sie bei einem Lied stecken bleibt und wir uns den Ohrwurm wieder und wieder anhören müssen. Unklar war bislang, was die genauen  Auslöser für die lästigen Musikparasiten sind. Victoria Williamson von der University of London hat in Zusammenarbeit mit verschiedenen internationalen Radiosendern über 600 Zuhörer befragt, um herauszufinden, wodurch ein Ohrwurm überhaupt erst entsteht. Wenig überraschend war der häufigste Grund für einen Ohrwurm, dass man einen bestimmten Song kurz davor gehört hat. „Mein Ohrwurm ist dieser verdammte George-Harrison-Song, den ihr gestern gespielt habt“, schrieb ein BBC-Hörer. „Ich bin heute morgen um halb fünf aufgewacht und er ging mir bereits im Kopf rum.“ Das Problem ist natürlich, so die Forscher, dass wir einen Ohrwurm überall aufschnappen können, denn dauernd sind wir von Musik umgeben: in der Kneipe, im Fitnessstudio, in Geschäften und in Restaurants. Aber auch der Klingelton eines Handys oder ein vorbeispazierender Passant, der gerade ein Lied summt, können den Ohrwurm aus seinem Versteck locken.

Noch schlimmer: Wir müssen ein Lied gar nicht unbedingt hören, damit es sich in unsere Gehirnwindungen eingräbt. „Ein Ohrwurm kann allein schon durch Assoziationen ausgelöst werden“, so Williamson. Wir sehen eine Person, hören ein Wort oder einen Rhythmus und plötzlich, wie aus dem Nichts, hat sich dieser Ohrwurm in unserem Gehörgang festgekrallt. Manchmal sind die Assoziationsprozesse, die einen Ohrwurm auslösen, besonders bizarr, wie das Beispiel eines Zuhörers zeigt: „Ich war unterwegs und las das Nummernschild eines Autos, dass mit den Buchstaben EYC endete. Natürlich sieht das überhaupt nicht wie das Lied PYT von Michael Jackson aus, aber aus irgendeinem verrückten Grund steckte das Lied von da an in meinem Kopf fest.“

Auch Erinnerungen lösen häufig einen Ohrwurm aus, so die Musikpsychologin. Zum Beispiel, wenn wir eine Straße entlangfahren, auf der wir einen bestimmten Song das erste Mal gehört haben. Bestimmte Stimmungen und Stress waren weitere Ohrwurmauslöser in der Studie. Häufig liefert unser Gehirn uns nämlich die Titelmusik für unseren ganz persönlichen Stimmungsfilm. Fühlen wir uns traurig, stammt auch der Ohrwurm aus einem eher traurigen Lied, sind wir gut gelaunt, entscheidet sich das Gehirn stattdessen für fröhliche Partymusik. Insgesamt sind Ohrwürmer häufig emotional besetzte Lieder, die wir entweder sehr mögen oder überhaupt nicht ausstehen können. Instrumentalstücke werden eigentlich nie zum Ohrwurm, irgendein Text muss schon vorhanden sein. Allerdings ist es nie das ganze Lied, sondern es sind nur einzelne Passagen, die sich uns als musikalische Endlosschleife ins Gedächtnis drängen.

Interessanterweise entstehen Ohrwürmer am ehesten, wenn wir gerade nicht besonders aufmerksam sind, erklärt Williamson, etwa, wenn wir uns langweilen oder wenn wir schlafen. „Mein Ohrwurm ist Mulder and Scully von Catatonia. Ich träumte, wie ich durch den Wald rannte, und dies war die Hintergrundmusik dazu“, erzählte ein BBC-Zuhörer der Forscherin. Ein anderer beschrieb, wie sein Gehirn sich an einem Lied festsetzte, während er gerade langweilige Laborarbeit durchführte.

Einen wirklichen Ausweg aus der musikalischen Folter gibt es leider nicht. Versuchen wir den Ohrwurm bewusst durch ein anderes Lied zu ersetzen, erhält dann meist dieses Lied Ohrwurmstatus. Manchmal hilft es aber, sich den gesamten Song von vorne bis hinten anzuhören, um so die lästigen Ohrwurmpassagen aus dem Gedächtnis zu verbannen.

Simone Einzmann

Quelle: British Psychological Society
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