Nägelkauern fehlt es an Geduld

24. März 2016
 

Einige Menschen kauen an ihren Nägeln, bis sie wund sind. Andere zupfen sich an den Haaren, sodass kahle Stellen entstehen. Kanadische Forscher der Universität von Montreal vermuteten, dass diese „körperbezogenen, repetitiven Verhaltensweisen“ keine nervösen Ticks sind, sondern dazu dienen, Langeweile und Ungeduld zu überbrücken.

Das Team um Kieron O'Connor rekrutierte 46 Versuchsteilnehmer, von denen die Hälfte regelmäßig an den Nägeln kaute oder ähnliche Angewohnheiten hatte. Sie durchliefen fünf Experimentsituationen. Einmal lösten die Psychologen Stress aus, indem sie den Teilnehmern einen Filmclip von einem Flugzeugabsturz zeigten. Dann ließen sie einige Teilnehmer warten und weckten so ihre Ungeduld. Bei anderen rief das Team Frust hervor, indem es ihnen eine knifflige Aufgabe stellte und eine unrealistisch schnelle Lösung erwartete.

Nur sechs Betroffene suchten im Laufe des Experiments Zuflucht in dem gewohnten selbstverletzenden Verhalten – vor allem in Situationen von Stress, Langeweile und Frust. Alle Betroffenen berichteten jedoch, dass sie während der Langeweile das größte Bedürfnis nach dem emotionalen Ventil verspürten. Selbst in den kurzen Momenten der Entspannung empfanden sie einen starken Drang, an Nägeln zu kauen oder sich auf ähnliche Weise Erleichterung zu verschaffen. Dieses Bedürfnis war rund dreimal so groß wie bei der Kontrollgruppe der Probanden, die auch im Alltag keine Probleme mit dem Nägelkauen hatten.

„Die körperbezogenen repetitiven Verhaltensweisen helfen Betroffenen, vor allem Langeweile und Ungeduld zu regulieren“, resümieren die Forscher. Sie vermuten auch aufgrund der Fragebogenantworten ihrer Versuchsteilnehmer, dass die Störung indirekt mit Perfektionismus zusammenhängt: Wie Perfektionisten haben auch die Nägelkauer und Haarzupfer Schwierigkeiten, sich zu entspannen und ihre alltäglichen Aufgaben realistisch einzuplanen und umzusetzen.

Anna Gielas

Originalstudie:
Kieron O'Connor, Sarah Roberts, Frederick Aardema, Claude Belanger: The impact of emotions on body-focused repetitive behaviors: Evidence from a non-treatment-seeking sample. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 46, 2015, 189–197. DOI: 10.1016/j.jbtep.2014.10.007

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