Vorbeugende Angriffe

30. Juni 2017
 

Manchmal greifen wir andere verbal an oder brechen Beziehungen ab – aus einem vagen Gefühl der Bedrohung heraus, der andere könnte das Gleiche zuerst tun. Typisch für solche „Präventivschläge“ (defensive aggressions) ist, dass es keinen direkten Anlass gibt und sie im Alltag sehr häufig vorkommen, schreibt der amerikanische Psychologe Nir Halevy von der Stanford University. Er betont, wie sehr dieses Verhalten soziale Beziehungen belastet.

Bisherige Forschungen, so der Psychologe, konzentrierten sich überwiegend auf die Rolle der Angst bei dieser Art von Attacken. In fünf Studien mit gut 1300 Teilnehmern hat der Forscher nun herausgefunden, dass wir zu vorbeugenden Angriffen neigen, wenn wir eine Situation als hoffnungslos empfinden. Umgekehrt gesagt: Fühlen wir uns hoffnungsvoll, neigen wir weniger dazu, andere präventiv anzugreifen.

Halevy wollte herausfinden, wie stark diverse Gefühle – neben Angst auch Ärger, Empörung, Glück oder Hoffnung – die Wahrscheinlichkeit von präventiven Angriffen beeinflussen. So konfrontierte er Teilnehmer beispielsweise mit einem Dilemma: Wie würden sie sich verhalten, wenn sie das Gefühl hätten, ihr Geschäftspartner wolle ein gemeinsames Unternehmen verlassen, weil er anderswo eine bessere Option hat? Andere Probanden spielten am Computer das Preemptive Strike Game: unter sicheren oder unsicheren Bedingungen und mit einem höheren oder geringeren Risiko, der andere könnte zuerst angreifen.

Alle gaben anschließend Auskunft über ihre Gefühle in der Situation. In einer der Studien sollten sich Probanden zuvor an Ereignisse erinnern, in denen sie ärgerlich, fröhlich oder hoffnungsvoll gewesen waren. Durchweg bestätigte sich: Empfanden die Untersuchten Hoffnung, entschieden sie sich deutlich seltener für Präventivschläge. Hingegen zeigte sich, dass Angst nur wenig damit zu tun hatte, ob attackiert wurde oder nicht.

SAC / AB

Nir Halevy: Preemptive strikes: Fear, hope, and defensive aggression. Journal of Personality and Social Psychology, 112/ 2, 2017. DOI: 10.1037/pspi0000077

Dieser Beitrag ist in etwas abgewandelter Form in der aktuellen Juli-Ausgabe  von Psychologie Heute erschienen, Titelthema "Gekonnt überzeugen: Wie Sie andere für sich gewinnen und Ihre Ziele erreichen".

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