Sanft im Stress
Freiburger Wissenschaftler haben die gängige Lehrmeinung widerlegt, dass Stress stets aggressives Verhalten hervorruft. Ein Forschungsteam unter der Leitung der Psychologen und Neurowissenschaftler Markus Heinrichs und Bernadette von Dawans hat in der Studie untersucht, wie Männer in Stresssituationen reagieren – und mit den Ergebnissen ein fast 100 Jahre altes Dogma der Stressforschung widerlegt.
Der bisherigen Theorie zufolge zeigen Menschen und die meisten Tierarten bei Stress die „Kampf-oder-Flucht-Reaktion“ (fight-or-flight): Sie verengen den Fokus ihrer Aufmerksamkeit auf die Gefahrensituation und versuchen, der Situation Herr zu werden, indem sie sich verteidigen oder flüchten. Soziale Kooperation ist in diesem Modell nicht vorgesehen. Erst seit den späten 1990er Jahren vertreten einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die These, dass Frauen unter Stress alternativ nach dem Tend and befriend-Konzept handeln, also mit einem beschützenden (tend) und Freundschaft anbietenden (befriend) Verhalten reagieren. Männern hingegen wird nach wie vor unterstellt, bei Stress aggressiv zu werden.
Zu Unrecht, sagt nun Bernadette von Dawans: „Offenbar zeigen auch Männer soziales Annäherungsverhalten als unmittelbare Konsequenz von Stress.“ Sie und ihre Mitforscher haben in der aktuellen Studie erstmals das Sozialverhalten bei Männern unter Stress experimentell untersucht. Die Ergebnisse stellen die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals Psychological Science vor.
Schon im vergangenen Jahr hatten Heinrichs und von Dawans ein standardisiertes Verfahren entwickelt, um in Vortragssituationen Stress in Gruppen zu erzeugen. Die Folgen für das Sozialverhalten untersuchten die Forscherinnen und Forscher nun in ihrer Studie mit eigens konzipierten sozialen Interaktionsspielen. Diese ermöglichen es, positives Sozialverhalten, zum Beispiel Vertrauen oder Teilen, und sozial negatives Verhalten, etwa Bestrafen, zu messen.
Wie sich herausstellte, zeigten Probanden, die unter Stress standen, tatsächlich deutlich mehr positives Sozialverhalten als Probanden der Kontrollgruppe, die sich nicht in einer Stresssituation befanden. Negatives Sozialverhalten jedoch wurde durch Stress nicht beeinflusst.
Für Markus Heinrichs hat dies weit reichende Konsequenzen für ein besseres Verständnis der sozialen Bedeutung von Stress: „Aus vorherigen Studien unseres Labors wussten wir bereits, dass positiver sozialer Kontakt mit einem vertrauten Menschen vor einer Stresssituation die Stressreaktion reduziert. Offenbar ist diese Bewältigungsstrategie so stabil verankert, dass Menschen auch unmittelbar im oder nach dem Stress durch positives soziales Verhalten Stressreaktionen verändern können.“
An der Studie waren auch die Ökonomen Ernst Fehr von der Universität Zürich und Urs Fischbacher von der Universität Konstanz sowie der Psychologe Clemens Kirschbaum von der Technischen Universität Dresden beteiligt.
Quelle: Universität Freiburg
Neu im Shop
Oliver Sacks: Drachen, Doppelgänger und Dämonen
Neue, faszinierende Fallgeschichten des berühmten Neurologen. Über Menschen mit Halluzinationen. Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober.
Aboservice
Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.




