Seit wann kommt Fleisch vom Tier?

27. Januar 2017
 

Der Begriff „Dissoziation“ bezeichnet eine Störung, bei der unerträgliche Bewusstseinsinhalte abgespalten werden. Wenn es ums Fleischessen geht, neigen wir alle zur Dissoziation (es sei denn, wir ernähren uns aus eben diesem Grund vegetarisch): So gut es geht, blenden wir aus, dass das, was wir da zu uns nehmen, noch vor kurzem ein lebendiges, empfindsames Tier war.

Der Psychologe Jonas Kunst von der Universität Oslo und seine Kollegin Sigrid Hohle haben das nun in einer Reihe von Experimenten mit insgesamt mehr als 1000 Teilnehmern bestätigt. Einmal präsentierten sie ihren Probanden Hühnerfleisch in unterschiedlicher Darreichungsform: als ganzen Hahn, als Schlegel oder hübsch unkenntlich in Gestalt von Filetstücken. Ein andermal zeigten sie ihnen Fotos eines gerösteten Schweins, mal mitsamt dem Kopf, mal ohne. Oder sie legten ihnen zwei Werbeanzeigen für Lammkoteletts vor, die eine mit einem Bild von einem lebendigen Lämmchen, die andere ohne.

Das Ergebnis war immer das gleiche: Je weniger Ähnlichkeit das präsentierte Gericht mit dem vollständigen Tier hatte, desto weniger assoziierten die potenziellen Esser es mit diesem und desto weniger Empathie empfanden sie für dieses Wesen. Je weniger das Fleisch an seine Herkunft erinnerte, desto weniger scheuten die Teilnehmer vor einem Verzehr zurück und desto seltener erwogen sie ein fleischloses Alternativgericht.

Englischsprechende Fleischesser haben es sogar noch leichter, sich von dem Gedanken zu distanzieren, dass sie da ein Tier verspeisen: Schweinefleisch heißt pork und Rindfleisch beef. Als die Untersucher diese Dissoziationswörter durch die Tiernamen pig und cow ersetzten, ließ der Appetit ihrer Probanden gleich ein wenig nach.

Thomas Saum-Aldehoff

Jonas R. Kunst, Sigrid M. Hohle: Meat eaters by dissociation: How we present, prepare and talk about meat increases willingness to eat meat by reducing empathy and disgust. Appetite, 105, 2016, 758–774. DOI: 10.1016/j.appet.2016.07.009

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