Unser Wille ist freier als gedacht

19. März 2015
 

„Unser Wille ist freier als gedacht“, sagt Markus Kiefer, Professor für  Psychologie an der Universität Ulm. Seine Forschungsgruppe hat mit Messungen der Hirnaktivität gezeigt, dass bewusste Vorsätze die Arbeit unserer automatischen Systeme im Gehirn steuern. Unbewusste Prozesse, die im Widerspruch zu unseren Absichten stehen, werden weitgehend von unserem Bewusstsein blockiert.

Seit Sigmund Freud gehen wir davon aus, dass unser Unbewusstes autonom arbeitet und nicht vom Bewusstsein kontrollierbar ist. „Diese Vorstellung des chaotischen und unkontrollierbaren Unbewussten prägt bis heute auch die akademische Psychologie und Kognitionsforschung. Dieses Dogma wurde in der Vergangenheit kaum kritisch hinterfragt“, so Markus Kiefer.

„Unsere Befunde widerlegen diese Lehrmeinung. Sie zeigen eindeutig, dass das Bewusstsein die zu unseren Absichten passenden unbewussten Vorgänge in unserem Gehirn verstärkt, nicht passende dagegen abschwächt.“ Dadurch werde gewährleistet, dass unser bewusstes „Ich“ Herr im Hause bleibt und nicht durch eine Vielzahl unbewusster Tendenzen beeinflusst wird. „Wir sind also keinesfalls Sklaven unseres Unbewussten, wie lange Zeit angenommen“, meint Kiefer.

Für ihre Studie haben die Forscher gemessen, wie lange die Versuchspersonen brauchen, um bestimmte Wörter zu lesen. Vor jedem zu lesenden Wort wurden andere Wörter, sogenannte Bahnungsreize, für eine ganz kurze Zeit eingeblendet, so dass sie nicht bewusst wahrnehmbar waren. Diese Wörter waren in ihrer Bedeutung den Wörtern verwandt, die den Versuchspersonen anschließend präsentiert wurden (zum Beispiel: Tisch – Stuhl, Henne – Ei). Tatsächlich verkürzten diese Bahnungsreize die Zeit, die die Probanden zum Erkennen der nachfolgenden Wörter brauchten: Die unbewusste Voreinstellung prägte also das Bewusstsein. Aber: Das war nur dann der Fall, wenn die Probanden zuvor die Aufgabe bekommen hatten, die Bedeutung der Wörter zu verstehen. Hatten die Probanden dagegen die Aufgabe bekommen, lediglich auf die Form der Buchstaben zu achten und die Wortbedeutung zu ignorieren, hatten die unbewussten Bahnungsreize keinen Einfluss auf die Erkennenszeiten der sichtbaren Worte.

Diese Blockade unbewusster Prozesse durch die bewussten Absichten konnte auch anhand der Hirnaktivität nachgewiesen werden. Dies haben die Forscher untersucht, indem sie den Probanden ultrakurz und damit unbewusst Bilder einblendeten. Wie im ersten Experiment wurde die Gehirnaktivität beim Lesen der Wörter nur dann durch die unbewusst wahrgenommen Bilder verändert, wenn die Testpersonen zuvor auf deren Bedeutung geachtet hatten. Sollten die Probanden sich zuvor aber auf die Form der Bilder konzentrieren, hatten die unbewusst wahrgenommenen Reize keinen Einfluss auf die Gehirnaktivität beim Lesen. Es zeigte sich also auch hier: Die bewussten Absichten der Probanden, auf Bedeutung oder Form zu achten, etablierten für eine gewisse Zeit unterschiedliche Netzwerke von Hirnarealen, welche die Verarbeitung der unbewusst wahrgenommenen Reize beeinflussten.

Die Kontrolle des Unbewussten durch das Bewusstsein zeige sich auch im Alltag, so Kiefer: „Wenn ich in den Supermarkt gehe, um Spülmittel zu kaufen, bin ich wenig empfänglich für die Schokolade im Süßwarenregal. Die Situation ist ganz anders, wenn ich gerade hungrig und dabei bin, Nahrungsmittel einzukaufen. Ähnliches gilt auch beim Autofahren: Wenn ich einen Fußgänger auf der Fahrbahn erwarte, kann ich ihn mit höherer Wahrscheinlichkeit auch dann rechtzeitig erkennen und abbremsen, wenn er am Rande meines Gesichtsfeldes auftaucht und damit nicht bewusst wahrnehmbar ist.“ Die bewussten Absichten und Einstellungen entscheiden somit darüber, ob ein unbewusster Prozess in unserem Gehirn überhaupt ablaufen kann.

Quelle: Universität Ulm via idw

 

Weitere Informationen:

http://www.uni-ulm.de/unbewusst/

Abstract:

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24954512

 

Diesen Artikel:

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Der Wurm in unserem Herzen

Von Sheldon Solomon, Jeff Greenberg, Tom Pyszczynski.
Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Leben beeinflusst.
DVA Verlag, 2016, 368 S.

24,99 €inkl. 7% MwSt.