Unser Wille: freier als gedacht

07. Januar 2016
 

Haben wir Menschen einen freien Willen, entscheiden wir wirklich selbst, was wir tun? Wissenschaftler wie Wolf Singer vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung sind skeptisch: Singer verneint die Frage nach dem freien Willen. Denn "unser ganzes Verhalten ist durch kausal determinierte Vorgänge im Gehirn bestimmt", sagte er vor einiger Zeit dem Online-Portal Das Gehirn.

Forscher um John-Dylan Haynes vom Bernstein Center for Computational Neuroscience der Charité in Berlin meinen nun aber: Zumindest ist unser Wille freier als bislang gedacht. In einer im Fachmagazin PNAS veröffentlichten Untersuchung gingen die Neurowissenschaftler der Frage nach, ob sich Prozesse im Gehirn wieder stoppen lassen, nachdem sie einmal angestoßen sind. Die Forscher kommen zu dem Schluss: ja, bis zu einem gewissen Punkt, dem point of no return.

Hintergrund: Entscheidet das Gehirn ohne unser Bewusstsein?

Um zu verstehen, was die aktuellen Erkenntnisse mit dem freien Willen zu tun haben, braucht es etwas Vorwissen. Spätestens seit den 1980er Jahren diskutieren Hirnforscher, Psychologen, Philosophen und Öffentlichkeit über die Bewusstheit und Vorbestimmtheit menschlicher Entscheidungen. Seinerzeit studierte der amerikanische Forscher Benjamin Libet Hirnprozesse von Probanden, während diese einfache freie Entscheidungen fällten. Er zeigte dabei, dass das Gehirn Entscheidungen bereits unbewusst vorwegnahm. Noch bevor sich eine Person willentlich entschieden hatte, war ein sogenanntes Bereitschaftspotenzial in ihren elektrischen Hirnwellen zu erkennen.

Aus der Existenz dieser vorbereitenden Hirnwellen folgerten manche Neurowissenschaftler, der freie Wille sei eine Illusion. In Wirklichkeit, so die Interpretation, würden unsere Entscheidungen durch unbewusste Hirnmechanismen getroffen. Philosophen und Psychologen kritisieren diese Sichtweise schon länger. Doch nun stellen auch neue Experimente aus der Hirnforschung selbst diesen sogenannten Determinismus infrage.

Die Wissenschaftler um John-Dylan Haynes untersuchten, ob Menschen einmal geplante Bewegungsabläufe noch stoppen können, nachdem das Bereitschaftspotenzial für eine Handlung ausgelöst worden ist. "Unser Ziel war herauszufinden, ob mit dem Auftreten der frühen Hirnwellen eine Entscheidung automatisch und unkontrollierbar erfolgt, oder ob sich der Proband noch umentscheiden, also ein Veto ausüben kann", sagt Haynes.

Duell mit dem Computer

Dazu haben die Forscher zwölf Probanden in ein Duell mit einem Computer geschickt und während des Spiels die Hirnwellen per Elektroenzephalografie abgeleitet. Die Versuchspersonen sahen entweder ein grünes oder ein rotes Licht. Gelang es den Freiwilligen, in der Grünphase einen Schalter zu drücken, erhielten sie einen Punkt – war das System schon auf Rot gesprungen, gewann der Computer. Der Clou: Die in Echtzeit gewonnen Daten erlaubten es der Software - nach einiger Übung - vorherzusagen, wenn die Hirnwellen eine baldige Bewegung andeuteten. Fieserweise nutzten die Forscher diese Information, um die Ampel genau dann auf Rot zu stellen.

Wenn es Probanden möglich ist, aus der Falle der Vorhersagbarkeit ihrer eigenen Hirnprozesse zu entkommen, wäre dies ein Anzeichen dafür, dass sie über ihre Handlungen noch weit länger Kontrolle haben, als bisher angenommen. Genau das konnten die Forscher nun aufzeigen: "Die Probanden sind den frühen Hirnwellen nicht unkontrollierbar unterworfen. Sie waren dazu in der Lage, aktiv in den Ablauf der Entscheidung einzugreifen und eine Bewegung abzubrechen", sagt Haynes. "Dies bedeutet, dass die Freiheit menschlicher Willensentscheidungen wesentlich weniger eingeschränkt ist, als bisher gedacht. Dennoch gibt es einen Punkt im zeitlichen Ablauf von Entscheidungsprozessen, ab dem eine Umkehr nicht mehr möglich ist, den point of no return."

Aufgrund der relativ geringen Zahl von Versuchspersonen sind diese Erkenntnisse mit etwas Vorsicht zu genießen. In weiteren Studien wollen die Berliner Wissenschaftler nun auch komplexere Entscheidungsabläufe untersuchen.

Quellen:
Pressemitteilung der Charité-Universitätsmedizin Berlin, via idw
John-Dylan Haynes u. a.: Point of no return in vetoing self-initiated movements. Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA, 2015. DOI: 10.1073/pnas.1513569112

Zum Weiterlesen: Felix Tretter u. a.: Memorandum "Reflexive Neurowissenschaft". Psychologie Heute, 2014 (Link)

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