Warum wir uns selbst überschätzen

11. Oktober 2005
 

Die meisten Menschen überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten. Wer glaubt nicht, besser Auto fahren zu können als die anderen Verkehrsteilnehmer? Seine eigenen Kompetenzen zu verklären kann negative Konsequenzen haben: etwa wenn ein Hausarzt sich eine Behandlung zutraut, die er lieber einem Fachkollegen überlassen sollte, wenn jemand sich für eine Berufslaufbahn entscheidet, der er nicht gewachsen ist, oder einen Sport ausübt, der ihm eher schadet als ihn fitter macht. Wie kommt es, dass wir uns so schlecht selbst einschätzen können, obwohl wir uns doch eigentlich am besten kennen (sollten)?

Unsere Selbsteinschätzung basiert auf unseren Erfahrungen; aus ihnen puzzeln wir das Bild zusammen, das wir von uns und unseren Fähigkeiten haben. Doch es gibt einen blinden Fleck in der Verarbeitung der Erlebnisse, denn ein entscheidender Teil wird einfach ausgelassen: nämlich das, was wir in den verschiedenen Situationen unseres Lebens nicht wussten oder bedacht haben. Dies zeigten jetzt zwei Studien von Forschern um David Dunning von der Cornell University: Menschen überschätzen sich nicht deshalb, weil sie aufgeblasene Egos haben, sondern weil sie bestimmte Fehler machen, so genannte errors of omission, Fehler der Auslassung oder Unterlassung.

Die Studienteilnehmer mussten ihre Fähigkeiten in verschiedenen Aufgaben bewerten, zum Beispiel in Wortspielen, Puzzles oder Grammatikaufgaben. Es gab jeweils verschiedene Lösungsmöglichkeiten. Nach der ersten Bewertung ihrer Kompetenzen wurde den Probanden mitgeteilt, welche Lösungen fehlten, und sie sollten erneut ihre Leistung einschätzen.

Obwohl die Teilnehmer genau wussten, welche Lösungen sie in den Aufgaben genannt hatten, waren sie unfähig vorherzusagen, wie viele zusätzliche Möglichkeiten sie übersehen hatten. Als sie sich selbst bewerten sollten, bezogen sie nun verständlicherweise diese versäumten Antworten nicht in ihre Einschätzung mit ein. Wurden sie dann auf ihre Auslassungsfehler hingewiesen, passten sie ihre Selbsteinschätzung entsprechend an und gaben den errors of omission genauso viel Gewicht wie den gefundenen Lösungen.

Menschen ist nicht bewusst, welche Lücken sie in ihrem Wissen haben oder welche anderen Lösungen für ein Problem noch gefunden werden könnten, die sie gar nicht bedenken. Anders gesagt: Obwohl Menschen recht genau wissen, was sie wissen, ist ihnen nicht klar, was sie alles nicht wissen. Dies klingt recht banal, doch erklärt es unsere Selbstüberhöhung: „Wir haben nicht alle Informationen, die wir brauchen, um uns selbst richtig einzuschätzen“, erklärt Dunning, „und sind uns darüber nicht im Klaren.“ Um sich selbst besser einzuschätzen, sollte man also auch die Dinge einbeziehen, die man nicht über sich weiß – doch wie soll das gehen? Dunning empfiehlt zum Beispiel, andere Menschen als Informationsquellen über den eigenen „blinden Fleck“ zu nutzen, gleichsam als Spiegel. Dabei sollte man auch darauf achten, wie (anders) sie die Dinge angehen, die man selbst vielleicht gerne besser machen würde.

Von Christine Seiger

Quelle: Cornell University; Journal of Experimental Social Psychology, Bd. 41/5, 2005; Psychological Science in the Public Interest, Bd. 5/3, 2004

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