Wertewandel auf der Weltraumwarte
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Unter all den ungewöhnlichen Abenteuern, die man auf dieser Welt erleben kann, gibt es wohl kaum eines, das es an Dramatik, Sinneserlebnissen und Exklusivität mit einem Raumflug aufnehmen kann. Weniger als 500 Personen umfasst die kleine Gemeinde der Menschen, denen dieses Erlebnis schon einmal zuteil wurde. Wie hat es sie geprägt und verändert? Verschieben sich ihre Werte? Liegen Raumfahrern nach ihrer Rückkehr zur Erde andere Dinge am Herzen als vorher?
Diesen Fragen sind jetzt Psychologen der University of British Columbia im kanadischen Vancouver nachgegangen. Das Team unter der Leitung von Peter Suedfeld – ein Forscher, der mit Vorliebe ungewöhnlichen Sinneserfahrungen und dem Einfluss extremer Lebenswelten nachspürt – befragte die Astronauten nicht direkt, sondern wählte einen subtileren Zugang: Suedfeld und seine Kolleginnen Katya Legkaia und Jelena Brcic analysierten, was die Astronauten vor, während und nach ihrem Weltraumabenteuer öffentlich von sich gegeben hatten, nämlich in Interviews und O-Tönen, in Selbstdarstellungen und Autobiografien, in Online-Tagebüchern und Statements, auf der Website ihrer Weltraumbehörde, in Zeitungen und Zeitschriften.
So sammelte man die Selbstzeugnisse von 125 Raumfahrern, davon 59 Amerikanern, 49 Russen und 17 Mitfliegern aus Europa, Japan, Kanada und anderen Nationen. 30 von ihnen waren Pioniere aus den Anfangsjahren der bemannten Raumfahrt von Gagarin bis Armstrong, die anderen entstammten der Ägide von Shuttle, Mir und ISS. 18 der 125 waren Frauen; ihre Äußerungen unterschieden sich, das sei vorab verraten, nicht auffällig von denen der Männer.
Die Forscher analysierten die Schilderungen der Raumfahrer Absatz für Absatz und notierten jeweils, auf welche Werte die dort Bezug nahmen. Diese Bekundungen wurden elf Basiskategorien zugewiesen, die kulturübergreifend eine Art Grundgerüst der Werte bilden. So wurde etwa die Bemerkung „Mein Zeitvertreib bestand darin, auszuprobieren, wie schnell ich durch die Station fliegen konnte“ unter der Rubrik „Freude“ (lustvolle Empfindungen, Lebensgenuss, Humor) abgelegt. Die Aussage „Ich wollte, dass man auf mich hörte“ landete in der Kategorie „Macht“ (sozialer Einfluss, Autorität, Anerkennung).
Die Auswertung dieses Datenberges bestätigte zunächst einmal, was die Forscher ohnehin vermutet hatten: Bereits vor ihrem Flug sind Astronauten, verglichen mit dem Rest der Bevölkerung, ein ganz besonderer Menschenschlag. Der Wert, auf den sie in ihren Äußerungen mit weitem Abstand am häufigsten Bezug nahmen, war Leistung. Wieder und wieder betonten die Astronauten, wie wichtig es ihnen sei, an ihrem exponierten High-Tech-Arbeitsplatz in der Schwerelosigkeit keine Fehler zu machen, nicht aus Versehen mit fatalen Folgen einen falschen Schalter umzulegen oder durch eine momentane Nachlässigkeit eines der kostbaren Experimente zu versemmeln. Der objektive Arbeits- und Leistungsdruck von Astronauten an Bord der Internationalen Raumstation ist gewaltig – und die Raumfahrtagenturen wählen unter den vielen Bewerbern für diesen Job nicht zuletzt diejenigen aus, die diesem Druck in besonderer Weise gewachsen sind.
Besonders häufig kamen die russischen Kosmonauten auf diesen Leistungsaspekt zu sprechen; dies erklärt sich wohl daraus, dass sie in besonderer Weise unter der überkritischen Beobachtung ihrer Aufseher im Kontrollzentrum zu stehen scheinen. Russische Raumfahrer können sogar ihrer Prämien und damit eines Teils ihrer Bezüge verlustig gehen, wenn sie bei ihrem Einsatz im Orbit schwere Fehler machen – echte oder vermeintliche. Der US-Astronaut Michael Foale hat das russische Verhältnis zwischen Bodenstation und Kosmonauten einmal als eines zwischen „Herrn und Knecht“ beschrieben.
Man täte Raumfahrern im Allgemeinen und russischen im Besonderen allerdings unrecht, wenn man sie sich als leistungsvernarrte, gehorsame Robotniks vorstellte. Ihren Job so gut wie möglich zu machen, ist ihnen eher innerer Ansporn als Diktat von außen: Sie sind viel motivierter und anspruchsvoller an sich selbst als andere Menschen. Aber sie haben auch eine andere, sehr lebenslustige Seite: Sie legen überdurchschnittlich viel Wert auf Freude und anregende Erlebnisse. Sie sind neugierige Erfahrungssucher – langweilig ist ihnen wahrhaftig nicht.
Seltener als der Rest der Bevölkerung räsonieren sie hingegen über Werte wie Macht, Nächstenliebe, wahre Freundschaft, Ehrlichkeit und die Kunst des Vergebens – womöglich fehlt es ihnen schlicht an Zeit für privatphilosophische Überlegungen dieser Art. Wenig Aufhebens ist Astronauten aber auch ein Wertebündel wert, das die Forscher „Sicherheit“ tauften. Dahinter verbirgt sich ein ausgeprägtes Law-and-Order-Denken, gepaart mit Patriotismus – was Raumfahrern ziemlich abgeht. Angesichts der Tatsache, dass viele der Astronauten eine Karriere beim Militär hinter sich haben, finden Peter Suedfeld und seine Mitforscherinnen diese vaterländische Zurückhaltung bemerkenswert. Nicht einmal die frühen Astro- und Kosmonauten, deren Missionen noch von einem Schwulst nationaler Propaganda begleitet wurden, fielen durch Äußerungen auf, die von ausgeprägtem Nationalstolz zeugten. Womöglich waren die Männer und Frauen, die für ihr Land auf Weltraummission geschickt wurden, noch nie jene patriotischen Himmelsstürmer, als die sie in der Öffentlichkeit meist dargestellt wurden.
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