Zeitreise zum Weihnachtsfest
Von Weihnachten träumen durfte eine Gruppe von Testpersonen am Institut für Kognitive Neurowissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Während einer Kernspinuntersuchung stellten sich die Probanden konkrete Ereignisse vor, die sie in den kommenden Feiertagen erleben könnten. Nach dem Fest wurden sie dann wiederum ins Labor gebeten – und nun hatten sie die Aufgabe, zu rekapitulieren, was sie tatsächlich an den Weihnachtsfeiertagen erlebt hatten.
Mit diesen Untersuchungen – sie hatten bereits zum Jahreswechsel 2008/2009 stattgefunden – wollte die Neuropsychologin Julia Weiler herausfinden, was im Gehirn passiert, wenn wir auf Zeitreisen gehen und wie es Erinnerungen von Zukunftsgedanken unterscheidet. Die Forscher nennen das „mentale Zeitreisen“. Die Ergebnisse deuten nun darauf hin, dass bei mentalen Zeitreisen in Vergangenheit und Zukunft zwar ähnliche Hirnareale aktiv sind. Dennoch sind offenbar zwei unterschiedliche Mechanismen mit unterschiedlichen Aktivierungsmustern am Werk.
Wie das Gehirn die beiden Zeitrichtungen unterscheidet, erforschte Julia Weiler mit einem neuen Versuchsdesign: 18 Probanden stellten sich kurz vor Weihnachten im Kernspintomografen 30 Ereignisse vor. Gleich nach Weihnachten erinnerten sie sich dann an 30 Ereignisse, die tatsächlich stattgefunden hatten. „Damit ließ sich der Inhalt von Erinnerungen und Vorstellungen sehr ähnlich halten“, erläutert Weiler.
Die vergangenen Erlebnisse wurden meist sehr detailreich und mit vielen Sinneseindrücken erinnert. So dachte etwa ein Teilnehmer an die in Kalifornien verbrachten Weihnachtstage zurück: „Ich sehe eine Gurke, die an einem Baum hängt und all den anderen typisch amerikanischen Weihnachtsschmuck.“ Zukunftserlebnisse hingegen fielen oft etwas abstrakter aus. So hatte besagter Teilnehmer vor dem Fest „überlegt, ob es vielleicht Schokomousse anstatt Bayerischer Creme zum Weihnachtsessen gibt, und ich habe die Weingläser auf dem Tisch gesehen. Aber nicht mehr, keine Menschen und Handlungen.“
Anhand der fortlaufenden Kernspinaufnahmen des Gehirns zeigte sich eine Reihe von Unterschieden in den Aktivierungsmustern für Erinnerungen und Zukunftsgedanken: Bei Zeitreisen in die Vergangenheit waren stärker Hirnareale aktiv, die Informationen des Sehsinns verarbeiten. Hier scheint bereits Erlebtes und Wahrgenommenes erneut aktiviert zu werden. Neurowissenschaftler nehmen an, dass die Menge an Sinnesinformationen in Erinnerungen und Zukunftsgedanken dem Gehirn hilft, die beiden Zeitrichtungen zu unterscheiden und nicht durcheinanderzukommen.
Jedoch kann das nicht der einzige Unterscheidungsmechanismus sein. Julia Weiler fand auch Unterschiede in den Zeitverläufen der Aktivierungen. So war der Hippocampus – eine insbesondere für das Gedächtnis wichtige Gehirnstruktur – bei Zeitreisen in die Vergangenheit viel früher aktiv; bei Zukunftsreisen hingegen sprangen andere Hirnstrukturen schneller an. Mithilfe von EEG-Untersuchungen fand die Neurowissenschaftlerin auch Hirnstrukturen, die sowohl bei Erinnerungsreisen in die Vergangenheit als auch bei Vorstellungsreisen in die Zukunft aktiv waren. Diese in beide Zeitrichtungen aktiven Strukturen sind abhängig vom jeweiligen Inhalt der Vorstellung.
Auch wenn beim Vor- und Rückwärtsreisen durch die Zeit ähnliche Hirnareale beteiligt sind, werden diese doch ganz unterschiedlich beansprucht. Während wir uns die Zukunft ausmalen, kombiniert das Gehirn eine Vielzahl von Informationen verschiedener Erinnerungen. Dagegen wird bei einer Zeitreise in die Vergangenheit „nur“ eine Gedächtnisspur aufgerufen. Diese Asymmetrie in den Anforderungen scheint sich in den zeitlichen Aktivierungsmustern niederzuschlagen und könnte ein Schlüssel für die Unterscheidung von Zukunft und Vergangenheit sein. Quelle: idw
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