Könnten Amokläufe verhindert werden?

26. Februar 2015
 

Christoph Paulus erforscht Amokläufe. Hunderte Informationen über mehrere Dutzend Amokläufe hat der Bildungswissenschaftler und Aggressionsforscher von der Universität des Saarlandes zusammengetragen. Er analysiert die Taten, die Täter und ihr Umfeld, sucht in den Daten mit statistischen Methoden nach Übereinstimmungen, typischen Abläufen und Mustern. Sein Ziel ist, die Gefährdung durch potenzielle Täter etwa nach Drohungen schon im Vorfeld einschätzen und dadurch Amokläufe verhindern zu können.

Demnach gibt es Merkmale in den Profilen der Täter, die bei allen von Paulus analysierten Amokläufen teils bis ins Detail übereinstimmen. Bestimmte Phasen, die der Täter im Vorfeld des Gewaltausbruchs durchläuft, sind auffallend ähnlich, bis hin zu typischen Geschehnissen und Umständen in seinem Umfeld. „Für jugendliche Amokläufer sind eine Persönlichkeitsstörung, eine aggressive, gewaltbereite Grundhaltung, gesteigertes Interesse an Waffen und der Zugang zu Waffen charakteristisch. Bei Erwachsenen kommen zu Persönlichkeitsstörung und Waffenzugang typischerweise ein geringes Selbstbewusstsein, niedrige Frustrationstoleranz, familiäre Probleme und eine Wahrnehmung der Umwelt als Bedrohung hinzu“, erläutert Christoph Paulus erste Ergebnisse seiner Analysen. Einige dieser Punkte treffen anscheinend auch auf den Todesschützen aus Tschechien zu, etwa familiäre und psychische Probleme sowie ein Zugang zu Waffen.

Der Bildungswissenschaftler befasst sich in seiner Forschung seit Jahren mit Aggression und extremer Gewalt, insbesondere auch mit Jugendgewalt. Die Datensammlung über Amokläufe – bislang rund 60 Fälle vor allem aus Europa und den USA – wertet er unter anderem mit statistischen Verfahren aus, um Übereinstimmungen zu finden. „Bei den genannten Tätermerkmalen liegen die statistischen Konsistenz- und Abdeckungswerte bei 1,00 oder 0,91 – das bedeutet, dass sie in allen untersuchten Fällen identisch sind oder annähernd identisch übereinstimmen“, erläutert Paulus.

Auf diese Weise will er wissenschaftlich fundierte, feinmaschige Kriterien herausarbeiten, anhand derer das Gefährdungspotenzial der möglichen Täter in einem frühen Stadium beurteilt werden kann. So ließen sich zum Beispiel Amokdrohungen daraufhin überprüfen, ob es sich um eine ernsthafte Bedrohung oder nur um Scheindrohungen eines Trittbrettfahrers handelt.

„Die bisherigen Auswertungen haben gezeigt, dass bei allen untersuchten Amokläufern eine paranoide oder narzisstische Persönlichkeitsstörung vorlag“, sagt Paulus. Deshalb kann hier auch geholfen werden. „Eine solche Persönlichkeitsstörung kann therapiert werden. In allen Phasen vor dem Amoklauf kann die Spirale unterbrochen werden, entscheidend ist, das Gefährdungspotenzial zu erkennen.“

Motivation der Amokläufer ist Wut. „Sie begehen ihre Taten aus einer unbändigen Wut heraus auf eine nicht greifbare Gruppe: etwa die Schule, die Lehrer, die Schüler“, erklärt Paulus. Von außen betrachtet stehen sie als Außenseiter außerhalb der Gruppe. „Aber oft schließt nicht die Gruppe den einzelnen aus, sondern es ist genau umgekehrt: Sie isolieren sich selbst, weil sie nicht dazugehören wollen, etwa weil sie sich der Gruppe überlegen fühlen. Also nicht alle gegen einen, sondern einer gegen alle“, sagt der Gewalt-Forscher und ergänzt: „In der Regel sind Amokläufer keine Mobbingopfer.“

Lange vor der Tat durchlaufen die späteren Täter typische Stadien. „Es ist ein Prozess, der sich über Jahre hinzieht“, sagt Paulus. Kritik oder Ablehnung werden als schwere persönliche Niederlage empfunden, die Umwelt nimmt immer bedrohlichere Züge an, die Sichtweise der Welt verdunkelt sich zunehmend, der Täter durchläuft Phasen des Grübelns. „Auf Frust- und Trauerphasen folgen depressive Zustände. Irgendwann schlägt Trauer in Ärger, dann in Wut um, die sich zunehmend steigert und denen er nichts entgegenzusetzen hat, weil Handlungsalternativen für ihn fehlen“, sagt Paulus.

Die Täter kündigen oder deuten ihre Taten an, meist innerhalb einer bestimmten Gruppe. „Diese Äußerungen, so genannte Leakings, werden dann aber fatalerweise nicht ernstgenommen. Wer etwa im Internet oder sozialen Netzwerken Andeutungen auf Amokläufe findet, typische Sätze sind etwa `Von mir werdet ihr noch hören. Meine Trauer schlägt in Wut um`, sollte umgehend die Polizei informieren, die den Fall überprüft. Lieber einmal zu viel warnen, als die Chance zu verpassen, den Amoklauf zu verhindern“, sagt Paulus. Auch der Attentäter im tschechischen Uherský Brod hatte vorher seine Absichten verkündet und behauptet, er fühle sich schikaniert und werde die Sache „in die eigenen Hände nehmen“ – verhindert werden konnte der Anschlag aber nicht mehr.

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