Arbeit frisst Familienleben

13. April 2008
 

Es ist paradox: Zwar wünschen sich Väter in Deutschland mehr Zeit für die Familie und eine gerechtere Aufteilung von Berufs- und Erziehungsaufgaben zwischen ihrer Partnerin und ihnen. In der Realität freilich sind sie gezwungen, sogar länger zu arbeiten als kinderlose Männer. Zu diesen Ergebnissen kommt eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung.

Christina Klenner und Svenja Pfahl analysieren in ihrer Studie Arbeitszeitrealität und -wünsche von Eltern. Dabei griffen sie auf verschiedene Datenquellen wie den Mikrozensus – eine „kleine Volksbefragung“ – sowie repräsentative Spezialerhebungen des WSI zurück. Demnach sind die Arbeitszeiten von Müttern und Vätern in Deutschland noch immer stark polarisiert, obwohl viele berufstätige Eltern eigentlich Erwerbs- und Familienarbeit gleichmäßiger untereinander aufteilen wollen.

Väter in abhängiger Beschäftigung arbeiten im Durchschnitt 39,7 Stunden, Mütter dagegen 24,4 Stunden wöchentlich. Eine Einschränkung der Arbeitszeit zugunsten der Kinderbetreuung ist bei Vätern weiterhin eine Ausnahme: 97 Prozent sind vollzeitbeschäftigt, 57 Prozent arbeiten sogar länger als 40 Stunden.

Zufrieden mit diesem Zustand sind weder die Mütter noch die Väter. Eltern bewerten solche überlangen Arbeitszeiten als besonders problematisch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Im Durchschnitt arbeiten Männer mit minderjährigen Kindern sogar 1,2 Stunden pro Woche länger als Männer ohne Nachwuchs!

Die Arbeitszeiten von Frauen mit Kindern gehen viel stärker auseinander als die der Väter. Mehr als die Hälfte der Mütter arbeitet Teilzeit, darunter sind viele Minijobberinnen und geringfügig Beschäftigte. Doch etwa 30 bis 40 Prozent der Mütter mit minderjährigen Kindern sind vollzeitbeschäftigt. Ein Teil von ihnen – nach der WSI-Befragung 17 Prozent – arbeitet sogar regelmäßig 41 und mehr Stunden pro Woche.

Eine Mehrheit der Deutschen befürwortet das Zweiverdienermodell. Es überwiegt mit 45 Prozent Zustimmung die Variante einer sogenannten modernisierten Ernährerkonstellation, in der ein Partner Vollzeit, der zweite Teilzeit arbeitet. Nach wie vor müssen sich allerdings vor allem Frauen zwischen Vollzeit und Teilzeit entscheiden. Damit haben sie häufig nur die Wahl „zwischen Zeitnot einerseits und Karriereverzicht und wirtschaftlicher Benachteiliung andererseits“, stellen Christina Klenner und Svenja Pfahl fest. „Wenn Mütter Vollzeit arbeiten, steht dem meist keine Arbeitszeitreduktion der Väter gegenüber“, so die beiden Forscherinnen.

Lange und überlange Arbeitszeiten belasten die Familienzeit und setzen dem häuslichen Engagement enge Grenzen. Die faktischen Arbeitszeitverlängerungen der letzten Jahre hätten zusätzlich dazu beigetragen, die Geschlechterungleichheit bei den Arbeitszeiten fortzuschreiben, betonen die Wissenschaftlerinnen.

Als Kernproblem machen Klenner und Pfahl die traditionelle Norm der lebenslang gleichen Vollzeitarbeit aus, die unterschiedliche Lebensphasen nicht berücksichtigt. Das Konzept rechne mit dem „sorgelosen Arbeitnehmer“, der sich mit ganzer Kraft dem Job widmen kann, weil ihm seine Frau zu Hause den Rücken freihält.

Doch das Ernährermodell mit dem berufstätigen Vater und der den Haushalt führenden Mutter ist längst in der Minderheit, wie die Daten zeigen: Nur ein knappes Viertel der Paare lebt in Westdeutschland noch in der Hausfrauenehe. Im Osten hat sie mit acht Prozent nur marginale Bedeutung.

Zu den Wünschen der Kinder an die Arbeitszeiten ihrer Eltern gibt es bislang keine repräsentativen Befragungen. Die Autorinnen greifen deshalb auf eigene qualitative Forschungen zurück. Danach begrüßen Kinder durchaus eine Erwerbstätigkeit beider Eltern. Sie wünschen sich verlässliche Arbeitszeiten, die wichtige Sozialzeiten wie Wochenenden oder Feiertage freihalten und Familienrituale zulassen.

Als Ausweg aus dem Arbeitszeitdilemma plädieren die Autorinnen für ein erneuertes, familien- und gleichstellungsorientiertes Arbeitszeitkonzept. Die männlich geprägte Normalarbeitszeit sei auf den Prüfstand zu stellen und durch „ein Menü unterschiedlich langer Vollzeitstandards“ für bestimmte Lebensphasen zu ersetzen. Aufgreifen ließe sich ein Vorschlag aus Schweden: eine subventionierte Verkürzung der Arbeitszeit von Müttern und Vätern um fünf Stunden pro Woche. Den vollen steuerlichen Vorteil soll es nur dann geben, wenn beide Eltern die Arbeitszeitabsenkung nutzen. Quelle: idw

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