Auf zum Mond!

24. Juni 2016
 

In der Fantasie können Kinder alles: Sie fliegen wie Vögel und reisen zum Mond. Möglicherweise profitieren sie auch langfristig von ihren imaginierten Abenteuern. Denn diese scheinen eine Reihe geistiger Fähigkeiten zu fördern. Das hat die Psychologin Rachel Thibodeau von der Universität von Alabama in Tuscaloosa gemeinsam mit Kolleginnen vorgeführt.

Über fünf Wochen hinweg beobachteten die Forscher 110 Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren. 39 der jungen Probanden wurden darin unterstützt, sich täglich 15 Minuten lang ins Als-ob-Spiel zu stürzen. Einige andere Teilnehmer sangen Lieder und malten Bilder aus. Die Kontrollgruppe verblieb einfach in der gewohnten Kindergartengruppe.

Am Ende des Zeitraums zeigte sich, dass diejenigen, die im Geiste zum Mond geflogen waren, bei kognitiven Aufgaben den größten Zugewinn erzielt hatten. Sie schnitten besser bei Tests des Arbeitsgedächtnisses und der Selbstkontrolle ab.

Hilfreich in der Schule

Die Leistung des Arbeitsgedächtnisses überprüften die Psychologen, indem sie ihre jungen Probanden baten, sich eine Ziffernfolge einzuprägen. Je mehr Ziffern hängen blieben, umso leistungsfähiger war demnach das Arbeitsgedächtnis. Und die Selbstkrontolle? In diesem Fall untersuchten die Wissenschaftler die sogenannte inhibitorische Kontrolle – die Fähigkeit, bestehende Handlungstendenzen zu unterdrücken. Die Kinder betrachteten beispielsweise das Bild eines nächtlichen Sternenhimmels. Entgegen ihres eigentlichen Impulses sollten sie allerdings dazu "Tag" rufen.

Die Psychologen gehen davon aus, dass diese sogenannten exekutiven Funktionen später in der Schule enorm hilfreich seien – etwa, wenn es darum geht, sich Dinge einzuprägen oder um bei langweiligen Inhalten dabeizubleiben.

Rachel Thibodeau meint: Die Fantasievollen trainierten diese geistigen Fähigkeiten spielerisch. Schließlich wechselten sie ständig zwischen Wirklichkeit und Einbildung hin und her. Das ist gar nicht so leicht. Fliegen Kinder in ihrer Vorstellung wie Vögel, müssen sie die Spielregeln im Arbeitsgedächtnis parat haben: beim Bewegen mit den Armen flattern! Zugleich dürfen die Anforderungen der Wirklichkeit nicht zu kurz kommen, müssen Impulse zurückgehalten werden. Zum Beispiel: Bitte nicht die Treppe hinunterspringen, "in echt" ist das mit dem Fliegen nämlich so eine Sache.

Dass kreatives Spiel förderlich für die kognitive Entwicklung sein könnte, ist übrigens keine ganz neue Idee. Schon vor fast 100 Jahren hatte dies der sowjetische Psychologe Lew Wygotski postuliert.

JK

Rachel B. Thibodeau u. a.: The effects of fantastical pretend-play on the development of executive functions: An intervention study. Journal of Experimental Child Psychology, 145, 2016, 120–138. DOI: 10.1016/j.jecp.2016.01.001

Dieser Beitrag ist in der aktuellen Juli-Ausgabe von Psychologie Heute erschienen, Titelthema "Mut zur Unsicherheit: Die Kunst, in bewegten Zeiten die Balance zu halten".

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