Bildergeschichten gegen die Demenz

01. März 2011
 

Mit der steigenden Lebenserwartung wächst die Angst vor Altersdemenz. Gängige Vorbeugetrainings setzen auf allerlei Gedächtnis-, Konzentrations- und Knobelaufgaben, meist mit zweifelhaften Erfolgen. Eine schlichtere und vielversprechende Methode haben jetzt amerikanische Pflegewissenschaftler getestet: Demenzkranke erfinden Geschichten zu Bildern.

Menschen sind Lebewesen, die sich auf zwei Beinen fortbewegen, in sozialen Verbänden leben und eine Vorliebe für Geschichten haben. Ganz im Ernst: Die Lust an Geschichten ist ganz offensichtlich eine prägende Eigenschaft des Homo sapiens, sie zählt zu den Attributen, die uns menschlich machen. In allen Kulturen erzählt man sich Geschichten. Geschichten verleihen einem Geschehen Sinn: „Ja, so war es gewesen.“ Oder: „Ja, so könnte es sein, an einem fiktiven Ort, zu einer fiktiven Zeit, mit fiktiven Personen.“

In Erzählungen rückversichern wir uns der Realität. Und für wen könnte das nutzbringender sein als für Menschen, denen ihre Realität auseinanderzubrechen und abhanden zu kommen droht! So erscheint es nur logisch, Geschichtenerzählen als Trainingsmethode im Kampf gegen eine Alzheimerdemenz einzusetzen. Wissenschaftler der Universität von Missouri haben jetzt in Altenheimen ein Programm getestet, bei dem die Teilnehmer sich zu Bildern Geschichten einfallen ließen – mit ermutigenden Ergebnissen.

Pflegewissenschaftlerin Lorraine Phillips und ihre Mitforscher kamen sechs Wochen lang zweimal pro Woche ins Altenheim. Dort spielten sie mit 28 Frauen und Männern, die an leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz litten, jeweils eine Stunde lang Geschichtenerzählen zu Bildern. Bei diesem Programm namens TimeSlips sitzen die Teilnehmer in einer kleinen Gruppe beisammen, und die Betreuerin zeigt jeweils ein witziges und etwas schräges Foto. Gut eignen sich dazu Motive von launigen Grußpostkarten, allerdings ohne Schrift. Die Betreuerin stellt den Mitspielern nun offene Fragen, die sie dazu anregen sollen, sich zum jeweiligen Bild eine Geschichte einfallen zu lassen. Etwa: „Wie wollen wir diesen Menschen nennen?“ Oder: „Wo könnte er wohl leben?“

Erzählt wird mit Worten, aber auch Mimik und Gesten sind gefragt – zum Beispiel, wenn die Teilnehmer den Gesichtsausdruck der abgebildeten Personen imitieren. Die Betreuerin zeichnet all diese Äußerungen auf, und unter ihrer Moderation entsteht allmählich eine kleine, gemeinsam erfundene Bildergeschichte. Auch kann den Teilnehmern der Anfang einer Geschichte vorgelesen werden, die sie dann weiter entwickeln und beenden können. Dabei kommt es weniger auf verbissenes Üben und das Abrufen von Fakten aus dem Gedächtnis an, wie es bei herkömmlichen Demenztrainings gefragt ist. Vielmehr stünden Freude an der Fantasie und dem Austausch mit anderen im Mittelpunkt, wie Phillips betont.

Dass die Erzählstunden die beabsichtigte Wirkung hatten, dokumentieren die Befragungen während der sechs Wochen und danach. Im Vergleich mit einer Gruppe von Bewohnern, die während dieser Zeit die übliche Altenheimroutine durchlebt hatten, zeigten die Teilnehmer des Bildergeschichtentrainings verbesserte Kommunikationsfähigkeiten und mehr Initiative, andere anzusprechen. Und, vielleicht noch wichtiger: Sie waren vergnügter und besserer Laune, sandten mehr Signale von Wohlbehagen aus. Die Effekte hielten auch eine Woche nach Beendigung des Trainings noch an, verblassten dann aber allmählich wieder.

Sicherlich ist Geschichtenerzählen kein Heilmittel gegen Altersdemenz, aber es „bietet eine einfache und stimulierende Alternative zu den typischen Aktivitäten in einer Langzeitpflegeeinrichtung“, meint Phillips. Weitere Informationen zum Bildergeschichtentraining finden sich auf der englischsprachigen Website www.timeslips.org.

Von Thomas Saum-Aldehoff

Quelle und Bild: University of Missouri

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