Clevere Kleinkinder

09. Oktober 2014
 

Erwachsene können sich zurücknehmen. Wenn es nötig ist, warten sie noch eine Stunde bis zur Mittagspause, obwohl sie schon hungrig sind. Dagegen fehlt Babys genau diese Fertigkeit der Selbstkontrolle. Sie folgen ihren Impulsen ohne Umschweife. Erst in den ersten drei Lebensjahre lernt der menschliche Nachwuchs, sein Verhalten zu regulieren.

Frühe Anzeichen dafür lassen sich etwa im Alter von vier Monaten beobachten. Doch richtig spannend wird es im zweiten Lebensjahr. Dann gelingt es den Kleinkindern immer besser, sich zu beherrschen. Sie lernen dann, sich den elterlichen Ge- und Verboten zu fügen. Diese Entwicklung wäre nicht möglich ohne die Reifung jener Bereiche des Gehirns, die für die Selbstkontrolle entscheidend sind.

Doch das allein reicht noch nicht als Erklärung. Denn die Kleinen wissen anfangs nicht, wie sie auf ihre Umwelt am besten reagieren. Erst wenn sie in der Lage sind, die Hinweise aus der Umgebung zu verarbeiten, können sie sich auch daran anpassen.

Dabei sind die Informationen, die andere Menschen aussenden, verwirrend komplex. Gerade wenn Kinder noch nicht sprechen können, gilt es, Gesichtsausdrücke, Stimmlage, Blickrichtung und das soziale Miteinander richtig zu deuten.

Entwicklungspsychologen aus Seattle haben nun gezeigt, dass schon 15 Monate alte Kleinkinder in der Lage sind, ihre Wahrnehmungen raffiniert zu interpretieren und ihr Verhalten daran auszurichten.
Die Wissenschaftler um Betty Repacholi von der Universität von Washington baten 150 Jungen und Mädchen ins Labor (hier ein Video). Dort beobachteten die kleinen Versuchspersonen einen Erwachsenen, der eine Plastikkette klackernd in eine Tasse legte oder eine Kiste mit einem Stab zum Summen brachte. Gebannt folgten die Kleinkinder den Bewegungen, mitunter deuteten sie begeistert in die Richtung des Spielzeugs.

Leider war der Spaß bald vorbei. Ein zweiter Erwachsener betrat das Zimmer und ließ sich neben dem ersten nieder. Während dieser wiederholte, was er zuvor gezeigt hatte, meckerte sein neuer Sitznachbar. In einem unfreundlichen Tonfall sagte er, das sei doch alles "ärgerlich" und "störend" – ganz so, als sei es verboten, die Spielsachen zu benutzen.

Alle 15 Monate alten Teilnehmer durften nun selbst aktiv werden. Einige konnten sich unbeobachtet fühlen. Der Miesepeter verließ den Raum oder drehte ihnen den Rücken zu. Wenn dies geschah, griffen die Kinder ohne zu zögern nach den Spielsachen und ahmten das zuvor Gesehene nach.

Einige andere hatten Pech. Der Griesgram blieb auf seinem Stuhl sitzen und blickte in ihre Richtung. Zwar setzte er einen neutralen Gesichtsausdruck auf, blätterte in manchen Situationen sogar in einer Zeitschrift. Trotzdem widerstanden die Probanden nun ihrem Impuls, die interessanten Spielsachen zu greifen. Sie warteten im Durchschnitt vier Sekunden länger als die Kinder, die von dem mürrischen Spaßverderber verschont blieben. Und als sie sich dann trauten, vermieden sie es, das zuvor Gesehene zu imitieren.

Betty Repacholi und ihre Kollegen meinen, dass die 15 Monate alten Versuchspersonen offenbar die Situation verstanden hatten: Ein Erwachsener ist böse auf den anderen. Sie folgerten zudem, dass auch ihnen Gefahr drohte: Würden sie die kritisierte Person nachahmen, könnten auch sie ausgeschimpft werden. Jedoch nur, wenn der Miesepeter sie im Blick hatte.

Pure Angst vor dem Griesgram erklärt die Unterschiede zwischen den Gruppen übrigens nicht: Immerhin spielten einige Kleinkinder unbefangen, während der Streithansel im Zimmer geblieben war, ihnen jedoch den Rücken zuwandte. "Im Alter von 15 Monaten versuchen Kinder, ihre soziale Umwelt zu verstehen und vorherzusagen, wie andere Menschen reagieren", sagt Betty Repacholi. Sie findet, dass es eine ziemlich pfiffige Leistung von den Kleinkindern gewesen sei, so viele unterschiedliche Beobachtungen zu nutzen.

Allerdings verhielten sich nicht alle Kinder gleich: Junge Versuchspersonen, denen ihre Eltern vorab eine impulsive Persönlichkeit bescheinigt hatten, ließen sich durch den bösen Blick weniger vom Spielen abhalten als andere. Ob sich diese mangelnde Selbstkontrolle auch im Grundschulalter noch zeigt, erforschen die Wissenschaftler derzeit.

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