Das späte Leid der Kriegskinder

12. Februar 2010
 

Im Zweiten Weltkrieg mussten Menschen Unvorstellbares ertragen. Vor allem die zwischen 1930 und 1945 geborenen „Kriegskinder“ leiden oft bis heute unter ihren Erfahrungen. Doch nicht jeder wurde von den grausamen Erlebnissen traumatisiert. Wie unterschiedlich Menschen auf Kriegserfahrungen reagieren, hat ein interdisziplinäres Forscherteam aus Medizinern und Soziologen von der Universität Münster untersucht. Um genügend Freiwillige aus der Generation der Kriegskinder in Deutschland für ihre Studie zu finden, haben die Wissenschaftler sowohl eine Zeitungsanzeige aufgegeben, als auch Patienten eines Krankenhauses befragt.

Fast alle der insgesamt 122 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben Beschuss und Bombardierung erlebt, über die Hälfte hat im Krieg einen nahen Familienangehörigen verloren, und ein Viertel war kinderlandverschickt worden.

„32 Prozent der Befragten fühlten sich durch diese Ereignisse schwer belastet“, berichtet die Medizinerin Gudrun Schneider. „Aber das bedeutet im Umkehrschluss, dass der Rest diese Situationen nicht mehr als traumatisch empfindet.“ Der Soziologe Matthias Grundmann erklärt: „Ein und dasselbe Ereignis wird sehr unterschiedlich erlebt und betrachtet. Es kann vorkommen, dass mehr die Hilfe, die man durch andere erfahren hat, im Vordergrund steht oder aber eine Bombardierung beispielsweise als Ausgangspunkt einer großen Katastrophe erlebt wird.“ Es sei nicht vorhersehbar, ob ein Kriegsereignis zu einer schweren Belastung werde.

Zwei Faktoren spielen dabei eine Rolle. Grundmann betont die Wichtigkeit der sozialen Herkunft: „Obere Schichten haben es immer leichter, sich wieder einzuleben. Sie haben bessere Bewältigungsmuster, größere Kenntnisse, wie man sich helfen kann, und die besseren Netzwerkerfahrungen.“ Das sei besonders in der Nachkriegszeit wichtig gewesen. Außerdem relevant seien die frühkindlichen Bindungserfahrungen. Wer geliebt worden sei und Vertrauen in andere Menschen entwickelt habe, könne auch schwere Situationen leichter durchstehen, so die Forscher.

Die Spuren des Zweiten Weltkriegs ziehen sich bis heute durch unsere Gesellschaft. Gerade jetzt, wo sich die Kriegskinder mit dem Altern auseinandersetzen müssen, erleben manche die schwer belastenden Erinnerungen wieder intensiv. „Wir nennen das die sogenannte Trauma-Reaktivierung im Alter“, erklärt Gereon Heuft, Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Uniklinikums Münster. „Manche Menschen können sich mit dem Altern nicht abfinden, weil sie sich hilflos ausgeliefert fühlen. Und dann kommt die Erinnerung an Situationen wieder hoch, in denen sie ebenso hilflos waren.“

Angst und Depression können die Folge sein. Geholfen wird den älteren Patienten aber nur selten. Obwohl Menschen über 60 genauso oft von psychischen Problemen betroffen sind wie jüngere Patienten, wird für sie nur ein Prozent aller Anträge auf Psychotherapie gestellt. Dabei, so Heuft, sprächen alte Menschen so gut auf eine Therapie an wie jüngere. Oft wüssten sie sogar genauer, was sie wollten.

Eine Anlaufstelle für die ehemaligen Kriegskinder ist das Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin. Dessen Projekt „Lebenstagebuch“ wendet sich an Menschen über 65, die unter psychischen Folgen des Zweiten Weltkriegs leiden. Es handelt sich dabei um eine Schreibtherapie im Internet, bei der die Betroffenen via E-Mail mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten kommunizieren.

Quelle: idw; Bild: Getty Images

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