Der Computer als Märchentante

15. August 2014
 

Vier Studenten der Universität des Saarlandes haben eine Software entwickelt, die den Computer zum Märchenerzähler macht. Das Besondere: Im Gegensatz zu üblichen Vorleseprogrammen hat der Rechner den Text „verstanden“. Der Computer erkennt die verschiedenen Charaktere, erzählt automatisch mit verteilten Rollen, passt seine Stimme den jeweiligen Gefühlen an und setzt Spezialeffekte wie Hall ein.

„Unser Programm erkennt, ob in einer Textpassage des Märchens ein Mensch, Tier oder Fabelwesen spricht, und es erkennt die Gefühlslage und den jeweiligen Charakter. Je nachdem passt der Computer bei der Sprachausgabe Betonung, Tempo und Sprechweise an“, erklärt Christian Eisenreich.

Gemeinsam mit Jana Ott, Tonio Süßdorf und Christian Willms hat der Student, der im sechsten Semester Computerlinguistik studiert, dem Rechner beigebracht, Märchen zu erzählen. Die Idee stammt von ihm: „Wir sollten für das Seminar ein praxisbezogenes Thema vorschlagen. Ich dachte an ein Stofftier, das Märchen erzählt“, sagt Christian Eisenreich.

„Das Besondere ist, dass der Computer den Text verstanden hat. Märchen eignen sich hierbei besonders gut, weil sie wiederkehrende Muster mit ähnlichen Rollen haben“, erläutert Thierry Declerck, der in der Computerlinguistik am Lehrstuhl von Professor Hans Uszkoreit und am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz forscht und das Seminar leitete.

Die Software entwickelten die Studenten anhand des Märchens Der Froschkönig. Aber die Sprachverarbeitung lässt sich auf andere Märchen übertragen. Der Computer muss lediglich mit einigen Daten gefüttert werden, und dann erzählt er das Märchen der Wahl. Dies wurde bereits mit den Bremer Stadtmusikanten, Rumpelstilzchen und Wilde Schwäne erprobt.

Damit der Computer zum „Märchenversteher“ wird, haben die Studenten den Text des Froschkönigs zunächst komplett durchdrungen: Sie arbeiteten Wort für Wort mitsamt Bedeutung auf, interpretierten Sätze und Dialoge, trugen Hintergrundinformationen zusammen. Anschließend übersetzten sie alles in eine Sprache, die der Computer versteht, und programmierten die Software so, dass er Muster, Bedeutungsstruktur und Zusammenhänge erlernen kann.

Dabei waren die Aufgaben im Team verteilt. Tonio Süßdorf war für die Zeitabläufe zuständig, Christian Willms für die Dialoge, Jana Ott für die Gefühle der Figuren. Christian Eisenreich zeichnet verantwortlich für die Ontologie, also das Geflecht der Zusammenhänge im Text, und für die Umwandlung des Textes in Sprache. Mithilfe eines „Goldstandards“, einer Art Musterlösung, die die Studenten erstellten, konnten sie das Programm auf Fehler untersuchen. „Alles musste dann so zusammengebracht werden, dass es harmoniert“, sagt Eisenreich.

Die Studenten konnten bei ihrer Seminararbeit auf Forschungsergebnisse der Saarbrücker Sprachtechnologen aufbauen. Etwa auf die Sprachausgabe „Mary TTS“ von Marc Schröder und Jürgen Trouvain, die dem Computer jetzt die Stimmen der Erzählerin, der Prinzessin oder des Froschs verleiht. Sie tragen die Märchen gefühlvoll und automatisch mit verteilten Rollen vor – nur hin und wieder entlarven winzige metallische Kiekser und feinste Sprünge zwischen Laut- und Wortschnipseln die Computerstimme.

Ein Auszug aus dem „Froschkönig“ (in englischer Sprache) zum Anhören: Hier geht's zum Märchenroboter

Quelle: Universität des Saarlandes via idw
Diesen Artikel:

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Das Museum der zerbrochenen Beziehungen

von Olinka Vištica, Dražen Grubišic
Was von der Liebe übrig bleibt - Geschichten und Bilder
Rowohlt, 2018, gebunden, 128 Seiten

15 €inkl. 7% MwSt.