Die Sturheit der Mächtigen

12. Mai 2016
 

„Nächtliche Verhandlungen enden ohne Durchbruch“, heißt es bei wichtigen Entscheidungen immer wieder. Trotz intensiver Bemühungen konnten sich etwa Staatenlenker der EU lange nicht auf Hilfen für Griechenland einigen. Und in diesem Jahr fanden Angela Merkel und ihre europäischen Kollegen lange keine gemeinsame Position in der Flüchtlingskrise. Diese Aufzählung ließe sich nahezu unendlich fortsetzen; und sie ist nicht nur auf die Politik begrenzt.

Natürlich gibt es für fehlende Einigkeit oft inhaltliche Gründe. Doch häufig steckt mehr dahinter, meinen der Managementforscher John Angus Hildreth und der Psychologe Cameron Anderson. Mächtige sind von ihrer eigenen Macht gelähmt, sagen die Forscher von der Universität von Kalifornien in Berkeley. Wer es im Alltag als Staatschef oder Topmanager gewohnt ist, dass seine Ideen mehr zählen als die der Untergebenen, wer üblicherweise das letzte Wort hat – der tut sich schwer, in Verhandlungen auf Augenhöhe einen Kompromiss zu finden. Es geht ihm weniger um ein Ergebnis, sondern mehr um die Sicherung seiner herausgehobenen Position. 

Hildreth und Anderson gewannen für ein Experiment 158 Führungskräfte eines Unternehmens. Manche leiteten Abteilungen von mehr als 100 Mitarbeitern, andere kleinere Einheiten. In Gruppen von drei oder vier Personen verhandelten die Teilnehmer ein realistisches Problem, nämlich die Einstellung eines Jobsuchenden. Dabei achteten die Forscher darauf, dass die Diskutanten auf Augenhöhe zueinander waren. Es fanden sich also Runden von besonders Mächtigen zusammen, und Einheiten von weniger Einflussreichen.

Mehr als 80 Prozent der aus Normalos zusammengesetzten Teams einigten sich innerhalb einer Frist von 30 Minuten. Dagegen bremsten sich die Alphatiere gegenseitig aus. Weniger als die Hälfte ihrer Teams kam zu einer gemeinsamen Entscheidung.

Was erklärt diese Unterschiede? In einem weiteren Versuch wiesen Hildreth und Anderson Versuchspersonen ohne Führungserfahrung einen hohen oder niedrigen Status zu. Das Ergebnis: Auch die eigentlich Unauffälligen arbeiteten schlechter zusammen, wenn ihnen eine einflussreiche Stellung zugefallen war. Offenbar korrumpiert Macht tatsächlich.
JK

Quelle:
John Angus D. Hildreth, Cameron Anderson: Failure at the top: How power undermines collaborative performance. Journal of Personality and Social Psychology, 110/2, 2016, 261–286. DOI: 10.1037/pspi0000045

 

Dieser Beitrag ist in etwas abgewandelter Form in der aktuellen Juni-Ausgabe von Psychologie Heute erschienen, Titelthema "Drüber stehn! Sich weniger aufregen, nicht alles persönlich nehmen, gelassen bleiben".

 

 

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