Der Vamp und ihr Sound

28. September 2012
 

Die Musik ist im Kino fast ebenso wichtig wie das Bild – wer’s nicht glaubt, drehe mal versuchsweise am heimischen Fernseher während eines dramatischen Films den Ton ab. Musik transportiert jede Menge Information und vor allem Stimmung und Stimmungswechsel. Und sie verrät einiges über den Zeitgeist und gesellschaftliche Klischees – zum Beispiel über das vorherrschende Frauenbild. Während weibliche Filmfiguren in den Anfangsjahren des Kinos auf die Rolle der schmachtenden Schönheit oder treusorgenden Gattin festgelegt waren, tun sie sich heute als scharfsinnige und schusswaffenerprobte Ermittlerinnen oder Actionheldinnen à la Lara Croft hervor.

Die Anfänge dieses Rollenwechsels hat Catherine Haworth von der University of Huddersfield in Englands Norden jetzt bis in die Zeit des Film noir der 1940er Jahre zurückverfolgt – und zwar anhand des Soundtracks. „Musik kann in der Konstruktion der Charaktere Elemente herausarbeiten oder unterstreichen“, erläutert die Musikwissenschaftlerin.

Haworth untersuchte den Klangteppich von Vierziger-Jahre-Filmen der RKO Radio Pictures. Das Unternehmen war seinerzeit nach MGM, 20th Century Fox, Paramount und Warner einer der fünf Filmriesen Hollywoods und brachte von 1929 bis 1955 rund 1500 Kinoproduktionen auf den Markt. Die Forscherin aus England inspizierte Filme wie Two O’Clock Courage mit Anne Rutherford, Deadline at Dawn mit Susan Hayward oder The Big Steal mit Jane Greer und Robert Mitchum. Sie achtete beim Anschauen besonders darauf, in welcher Weise die Regisseure den Auftritt der weiblichen Hauptfiguren musikalisch kommentierten. Sie stieß auf viel Hergebrachtes, aber auch auf einige neue Elemente, die schon den bevorstehenden Wandel der Geschlechtsrollenklischees andeuteten.

„Meine Arbeit zeigt, dass die Dinge doch etwas beweglicher waren, als wir dachten“, sagt Haworth. „Zwar gab es jede Menge negativer, stereotyper Abläufe, aber die Frauen zeigten häufig mehr Tatkraft, als wir ihnen eingestanden hatten.“

Zwar markierten die weiblichen Filmfiguren in der großen Mehrzahl der Szenen noch immer einen eher passiven Part. Sie gaben entweder wie eh und je das scheue Reh oder aber das Luder, das die Männer mit den Waffen einer Frau umgarnt und sie zu gefügigen Erfüllungsgehilfen macht, ohne dass sie selbst sich die hübsch behandschuhten Finger schmutzig machen muss. Sobald eine solche Femme fatal die Szene betrat, wurde der Auftritt meist von einer exotischen, oft ziemlich schwülen Musik untermalt, die laut Urteil der Musikwissenschaftlerin die Sexualität und laszive Reserviertheit dieser Erscheinung unterstrich.

Aber so wie der Film noir mit seinen betont schmucklosen und grell beleuchteten Straßen und der zurückhaltenden Mimik der Akteure visuell mit dem Herkömmlichen brach, so verschob er auch das Bild von Weiblichkeit. Zaghaft mischten sich in der Figur des Vamps aktivere Elemente ins Rollenmuster. „Die Musik unterstreicht sowohl das Bild der Frauen als angebetete Schönheit als auch ihren Part als Detektivin“, erläutert die Forscherin. „Die Art, wie der Soundtrack mit anderen Elementen der Erzählung in Wechselwirkung tritt, stellt diese Frauen als spannende und einflussreiche Charaktere heraus, neben ihrer eher schablonenhaften Aufstellung als Gattin oder Geliebte.“ Insgesamt diagnostiziert Haworth in diesen Filmen „eine Verbreiterung der Rollen, die wir mit weiblichen Charakteren assoziieren.“

Auf einer Tagung an ihrem Center for the Study of Music, Gender and Identity der Universität in Huddersfield wollen Catherine Haworth und ihre Forschungskolleginnen am 6. und 7. Oktober das Feld von Geschlecht, Musik und Zeitgeist noch weiter abstecken.

Thomas Saum-Aldehoff

Quelle: University of Huddersfield via ScienceDaily
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