Stress sabotiert die Selbstkontrolle

03. September 2015
 

Entscheiden wir uns für das Obst oder für das Stück Kuchen zur Nachspeise? Eine anstrengende Sitzung am Morgen oder ein schwieriges Gespräch mit einem Kunden kann hier den Ausschlag geben. Neuroökonomen der Universität Zürich haben in einer aktuellen Untersuchung gezeigt, wie Stress das Gehirn dazu bringen kann, die Selbstkontrolle herabzusetzen – zum Beispiel bei der Wahl zwischen einem gesunden und einem ungesunden Dessert.

In der Studie wurden 29 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Labor einer Behandlung unterzogen, die moderaten Stress erzeugt: Sie sollten eine Hand drei Minuten lang in Eiswasser tauchen und wurden dabei von der Versuchsleiterin beobachtet und bewertet. Nach dieser „Abkühlung“ wählten die Probanden im Magnetresonanztomografen in einer Reihe von Entscheidungen zwischen jeweils zwei Speisen diejenige aus, die sie jetzt lieber genießen würden. Weitere 22 Kontrollteilnehmerinnen und –teilnehmer durften zwischen denselben Gerichten wählen, jedoch ohne zuvor gestresst worden zu sein.

Bei der Auswahl der Speisen standen alle vor der Wahl, etwas Schmackhaftes, aber Ungesundes zu essen, oder etwas, das zwar gesund, aber weniger schmackhaft war. Sämtliche Probanden hatten vorher angegeben, dass sie einen gesunden Lebensstil führten – etwa indem sie sich ausgewogen ernährten und Sport trieben.

Gestresste bevorzugten ungesunde Speisen

Ergebnis der Untersuchung: Jene Personen, die das stressreiche Eisbad über sich ergehen hatten lassen, gewichteten die geschmacklichen Attribute höher als die Kontrollgruppe. Sie wählten mit größerer Wahrscheinlichkeit eine ungesunde Speise aus als die Probanden ohne Eisbaderfahrung.

Die Auswirkungen des Stresses waren auch im Gehirn sichtbar. Zwischen den Hirnregionen, die für die Ausübung von Selbstkontrolle wichtig sind – wie dem Mandelkern, dem Striatum und dem für die Entscheidungsfindung wichtigen dorsolateralen und ventromedialen präfrontalen Kortex – zeigten sich bei den gestressten Teilnehmern veränderte neuronale Verbindungsmuster. Das üblicherweise mit Stress in Verbindung gebrachte Hormon Kortisol spielte jedoch nur für einige dieser neuronalen Veränderungen eine Rolle.

Stress wirkt sich auf mehrere Hirnregionen aus

Die Erkenntnisse geben wichtige Hinweise zum Verständnis der Interaktionen zwischen Stress und Selbstkontrolle im menschlichen Gehirn. „Klar ist, dass sich Stress über mehrere Wege im Gehirn auswirkt“, sagt Hauptautorin Silvia Maier vom Labor zur Erforschung Sozialer und Neuronaler Systeme der Universität Zürich. Ebenso sei die Fähigkeit zur Selbstkontrolle an mehreren Punkten des neuronalen Netzes für Störungen empfänglich.

„Die optimale Selbstkontrolle erfordert ein präzises Gleichgewicht zwischen den Interaktionen der beteiligten Gehirnregionen. Selbstkontrolle lässt sich nicht mit einem Schalter vergleichen, der entweder ein- oder ausgeschaltet ist“, so Maier. „Stattdessen könnte man eher an einen Regler denken, mit dem die Stärke der Selbstkontrolle flexibel angepasst werden kann.“

Moderater Stress reicht aus

Die Studie weist darauf hin, dass sogar moderater Stress die Selbstkontrolle beeinträchtigen kann. „Dies ist eine wertvolle Erkenntnis, da moderate Stressfaktoren häufiger sind als extreme Ereignisse“, bilanziert Todd Hare, Professor für Neuroökonomie am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Zürich. „Es könnte interessant sein zu prüfen, ob Faktoren wie Sport und soziale Unterstützung, die erwiesenermaßen vor strukturellen Gehirnveränderungen nach schwerem Stress schützen, auch die Auswirkungen von moderatem Stress bei der Entscheidungsfindung dämpfen können.“

Quelle: Universität Zürich via idw

Silvia U. Maier, Aidan B. Makwana, Todd A. Hare: Acute stress impairs self-control in goal-directed choice by altering multiple functional connections within the brain’s decision circuits. Neuron. 87/3, 2015. 621–631. DOI: 10.1016/j.neuron.2015.07.005 (Abstract)
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