Die böse Schwiegermutter

10. September 2010
 

Schwiegermütter haben nicht gerade den besten Ruf. Besonders das Verhältnis zu den Schwiegertöchtern gilt gemeinhin als angespannt. Die Psychologin Andrea Kettenbach von der Fernuniversität in Hagen ist dem Wahrheitsgehalt dieser Klischees auf den Grund gegangen – und kam zu einem einigermaßen versöhnlichen Resultat. „Schwiegermütter sind besser als ihr Ruf“, fasst sie ihre Ergebnisse zusammen. In ihrer Doktorarbeit hat sie – basierend auf der Sichtweise der Schwiegertöchter – vier verschiedene Schwiegermutter-Typen entdeckt:

Typ 1 ist die liebe Schwiegermutter. Sie ist so, wie man sie sich wünscht: fürsorglich und aufmerksam.
Typ 2 ist das genaue Gegenteil: böse, gemein, hinterhältig und einmischend.
Die Typen 3 und 4 sind zum einen die nervige, aber nützliche und zum anderen die defensive und desinteressierte Schwiegermutter.

„Typ 3 finde ich am interessantesten, weil das Konfliktpotenzial hier besonders groß ist“, so Kettenbach. Die jungen Frauen seien zwar genervt, könnten sich aber nicht beschweren, da ihnen gleichzeitig klar sei, dass ihre Schwiegermutter hilft und letztlich das Wohl der Familie im Blick hat. „Außerdem stört es die Schwiegertöchter, dass ihre Männer bei Konflikten nicht auf ihrer Seite stehen.“

Bei Typ 4 gibt es vonseiten der Schwiegermütter kaum Interesse an der Schwiegertochter oder den Enkeln. Das Verhältnis ist unterkühlt und oberflächlich. „Diese Konstellation bietet weniger Konfliktpotenzial. Die Schwiegertöchter sind lediglich enttäuscht, dass ihre Kinder keine richtige Oma haben“, erläutert Kettenbach.

Für ihre Studie hat die Psychologin 34 verheiratete Mütter nach ihren Schwiegermüttern befragt. Die Schwiegertöchter mussten beurteilen, inwieweit bestimmte Beschreibungen auf ihre Schwiegermutter zutrafen, darunter „liebevoll“, „respektvoll“, „bevormundend“ und „hinterhältig“. Anschließend sollten die Probandinnen über typische Konfliktsituationen berichten sowie die Beziehung zu ihrer Schwiegermutter mit Noten von eins bis sechs bewerten.

Mehrheitlich bekamen die Schwiegermütter ein gutes Zeugnis von ihren Schwiegertöchtern ausgestellt. Manche der jungen Frauen waren von ihnen ganz begeistert, schwärmten sogar von der Schwiegermutter als Freundin. Das Klischee der bösen Schwiegermutter scheint demnach überholt.

Vor 100 bis 200 Jahren sah das noch ganz anders aus, weiß Kettenbach: „Das schlechte Bild ist ein Überbleibsel aus dieser Zeit. Damals zogen die jungen Frauen häufig in das Haus des Mannes ein. Dort war die Schwiegermutter das Familienoberhaupt.“ Von da an konkurrierten die beiden Frauen auf mehreren Ebenen miteinander: Wer ist die bessere Hausfrau? Wer die bessere Mutter und wer die attraktivere Frau? Heutzutage hilft in solchen Fällen häufig schon der räumliche Abstand zwischen den Familien.

Falls es mit der Schwiegermutter doch einmal zu Reibereien kommen sollte, empfiehlt die Psychologin ein klärendes Gespräch. „Häufig gab es Probleme, weil Erwartungen nicht klar kommuniziert und keine Grenzen definiert wurden. Vielleicht weiß die Schwiegermutter ja gar nicht, dass ihre gut gemeinten Tipps nicht auf Gegenliebe stoßen.“

Von Anke Römer

Quelle: Fernuniversität in Hagen

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