Die Liebe in den Zeiten von Tinder

15. Januar 2016
 

Unkompliziert neue Kontakte knüpfen: Das verspricht die App Tinder. Über die mobile Anwendung, die Nutzer per Wisch-Prinzip über die Attraktivität anderer entscheiden lässt, lassen sich Flirtwillige in der Umgebung ausmachen – darunter auch viele Liierte, wie eine Studie der privaten Hochschule Fresenius in Köln nahelegt.

Für die meisten Singles gehört es heute längst dazu, auch auf digitalem Weg nach einem Partner zu suchen. Manche finden ihn bei Facebook, andere nutzen Online-Dating-Portale, wieder andere spezielle Apps – oder alles zusammen. Wer über die mobile Anwendung Tinder nach Flirtwilligen sucht, hat es auf den ersten Blick besonders leicht.

Die Nutzer entscheiden per Wischgeste über die Attraktivität der angezeigten digitalen Profile, die man nach Geschlecht, Alter und maximaler Entfernung filtern kann. Bei Gefallen wischen sie nach rechts, bei Nicht-Gefallen nach links. Und wenn sich zwei einig sind, also ein Match erzielen, öffnet sich ein Chatfenster, über das sie in Kontakt treten können.

Manche bezeichnen und verstehen das in der Standardversion kostenlose Tinder als Möglichkeit zur vergleichsweise unkomplizierten Anbahnung sexueller Begegnungen, andere erhoffen sich von dem Programm tatsächlich eine neue Beziehung – und lernen sie auch auf diesem Weg kennen, wie eine explorative Studie der privaten Hochschule Fresenius nahelegt. Laut der Untersuchung, die jüngst in der webbasierten Open-Access-Zeitschrift Journal of Business and Media Psychology erschienen ist, hängen Nutzungsverhalten und Erwartungen vor allem vom Geschlecht ab.

Frauen suchen einen Partner, Männer sexuelle Kontakte

Für die Studie wurden 817 Probanden befragt, darunter 436 Tinder-Nutzer im Alter von 15 bis 56 Jahren mit einem Durchschnittsalter von knapp 25 Jahren, von denen 65 Prozent weiblich waren. Die Befragung erfolgte online und beruht auf Selbstauskünften, sie ist also allein deshalb schon kritisch zu hinterfragen. Dennoch liefert die Analyse interessante Hinweise, auch für Folgeuntersuchungen.

So erhoffen sich Frauen, die bei Tinder sind, laut der Auswertung eher einen festen Partner, Männer hingegen suchen häufiger sexuelle Kontakte. Beide streben nach Bestätigung – die sie auf unterschiedlichem Weg erhalten: Frauen fühlen sich durch die Anzahl der Matches und Chats aufgewertet, während für Männer die Anzahl der sexuellen Begegnungen zählt.

Durchschnittlich nutzten die Teilnehmer Tinder seit drei Monaten und waren täglich für sieben Minuten in der App aktiv. Sie berichteten von 131 Matches, neun Dates und 1,75 sexuellen Kontakten, wobei Männer im Schnitt drei solcher Begegnungen angaben und Frauen eine. 16 Prozent der Befragten verhalf Tinder zu einer festen Beziehung – einen Wunsch, den die Hälfte hegt.

42 Prozent der befragten Nutzer waren liiert

Die selbst angegebenen Hauptmotive zur Nutzung der App waren laut der Analyse der Wunsch nach Zeitvertreib und Amüsement, nach Kommunikation und Austausch sowie zur Bestätigung. Männer gaben zudem eher an, Tinder in stärkerem Maße zu nutzen, "um sichtbar für Andere zu sein und weil die Kontaktanbahnung planbarer und kontrollierbarer erfolgt", so Wera Aretz, die Autorin der Studie.

Ähnlich wie in früheren, größeren Erhebungen, über die beispielsweise der britische Guardian berichtet hat, ist auch in der untersuchten Stichprobe ein großer Teil der Tinder-User liiert: 42 Prozent befanden sich nach eigenen Angaben in einer Beziehung. Die Intensität und Dauer der Nutzung beeinflusst dieser Status nicht.

Die Autorin schließt daraus auch, dass Personen, die in einer festen Beziehung sind, Tinder möglicherweise weiterhin nutzen, weil die vermeintlich "große Auswahl an potenziellen Partnern eine verbindliche Entscheidung für einen Partner und die Zufriedenheit mit dieser Entscheidung einschränkt". Es scheine, so Wera Aretz, als böten solche Dating-Apps eine schnelle und bequeme Möglichkeit, "kontinuierlich zu prüfen, ob sich nicht noch ein Partner finden ließe, der den Ansprüchen noch eher genügt".

Unverbindlich, einfach, mit vermeintlich unendlicher Auswahl

Generell erleichtere schon das Umfeld des Internets eine Anbahnung interpersonaler Beziehungen. Der Reiz an Tinder liege unter anderem in der Einfachheit und Schnelligkeit der Anmeldung, der leichten Nutzung sowie der anonymen Bewertung anderer und der Unverbindlichkeit der Kontaktaufnahme.

Zudem fehle bei Tinder die Übersicht: Anders als bei herkömmlichen Dating-Plattformen werden die Kandidaten nicht in einer Gesamtschau, sondern "in einer scheinbaren Endlosschleife nacheinander angezeigt". Das führe dazu, dass die Anzahl tendenziell als größer empfunden wird. Das Spannungselement, wer als nächstes angezeigt wird, wie viele und ob ein Match entsteht, erhöht zudem die Bindung an die App – ein Faktor mit Suchtpotential.

Die vermeintliche Anonymität der Nutzer, die auch als ein Vorteil angeführt wird, ist allerdings zweifelhaft: Bei Tinder kann sich nur anmelden, wer über ein Facebook-Profil verfügt. Zumindest die Anbieter der App verfügen damit im Zweifel also sehr wohl über die persönlichen Daten eines jeden, der sich anmeldet. Zudem wurde in der Vergangenheit von Sicherheitslücken bei Tinder berichtet.

emt

Wera Aretz: Match me if you can: Eine explorative Studie zur Beschreibung der Nutzung von Tinder. Journal of Business and Media Psychology, 6/1, 2015, 41–51.

 

Vielleicht interessieren Sie zudem folgende Beiträge zum Thema:

Beziehungsstress dank Smartphone

Weiß das Netz, wer zu mir passt?

Paarbeziehungen im Internet-Zeitalter

Weitere Online-Meldungen zu Studien zum Thema Partnerschaft finden Sie in unserer News-Rubrik Partnerschaft und Sexualität.

Einzelne Artikel aus unseren Heften zu Beziehungs- und anderen Themen finden Sie in unserem Archiv.

Ganze Hefte können Sie in unserem Shop bestellen.

Diesen Artikel:

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Das weite Land der Seele

Von Georg Psota, Michael Horowitz

Über die Psyche in einer verrückten Welt. Residenz Verlag 2016, 251 Seiten

22,- €inkl. 7% MwSt.