Die Spätfolgen von Vertreibung
Einschneidende Lebensereignisse wie die Vertreibung aus der Heimat nach Kriegsende haben weitreichende Auswirkungen auf die Gesundheit. Wissenschaftler der Universität Greifswald haben jetzt nachgewiesen, dass solche biografischen Erfahrungen lange nachwirken: Sie beeinflussen den psychischen und körperlichen Zustand der betroffenen Menschen im Alter.
In Befragungen während der ersten Phase des Altersforschungsprojektes LUCAS (Longitudinal Urban Cohort Aging Study) zeigte sich, dass vielfältige Zusammenhänge zwischen biografischen Ereignissen und der späteren Gesundheit bestehen. Hierbei wurde erstmals der Einfluss von Vertreibungserfahrungen während des Zweiten Weltkrieges systematisch untersucht.
Auch heute noch lassen sich psychische und körperliche Beschwerden auf solche biografischen Erlebnisse zurückführen. Hierbei kommt der Depression sowie der traumatischen Belastungssymptomatik bei Vertriebenen eine zentrale Rolle zu. Was die allgemeine Lebensqualität anging, wurden hingegen keine Unterschiede zwischen älteren Menschen mit und ohne Vertreibungserfahrung gefunden.
Ferner zeigte die Studie, dass alte Menschen ein starkes Bedürfnis nach autobiografischer Erzählung haben. Dies ist besonders dann der Fall, wenn sich der Alltag stark verändert, körperliche und geistige Beschwerden zunehmen und soziale Kontakte aus dem Berufsleben und in der Familie verlorengehen. In solchen Situationen erinnern sich viele Betroffene verstärkt an schwere Lebensereignisse aus der Kindheit.
In einem weiteren Schritt soll nun im Rahmen des LUCAS-Forschungsprojektes untersucht werden, ob und wie die gezielte Aufarbeitung der eigenen Biografie sich gesundheitsfördernd auswirkt. Dabei wird eine spezielle Hilfestellung für ältere Menschen angeboten und erprobt. In dem Projekt sollen mit den Betroffenen die individuellen Biografien aufgearbeitet werden. Ziel ist es, die Gesundheit im Alter aufrechtzuerhalten und zu fördern.
Das autobiografische Erzählen beinhaltet sowohl strukturiertes, über Themen angeleitetes als auch freies Schreiben ohne inhaltliche Vorgaben. Die Biografie wird zum einen schriftlich über Schreibtagebücher, zum anderen mündlich in Gruppensitzungen aufgearbeitet. So kann untersucht werden, ob es besser und der Gesundheit förderlicher ist, sich über die eigene Biografie zu unterhalten oder darüber zu schreiben. Die Sitzungen werden in zwei Studienzentren, in Greifswald und Hamburg, durchgeführt. Auf diese Weise soll auch beleuchtet werden, inwieweit sich die Biografien in den alten und neuen Bundesländern unterscheiden.
Das Projekt richtet sich an Frauen und Männer im Alter von 75 Jahren und älter. In das Forschungsprojekt werden Teilnehmer der Hamburger Längsschnittstudie einbezogen sowie Menschen, die über Seniorenorganisationen und Hausärzte rekrutiert werden. Das Forschungsprojekt wird von Silke Schmidt, Professorin für Gesundheit und Prävention an der Universität Greifswald, geleitet. Für die Durchführung der Studie ist die Psychologin Simone Freitag verantwortlich. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert dieses Teilprojekt des LUCAS-Forschungsverbundes mit 340.000 Euro.
Quelle: idw, Bild: dpa picture alliance
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