Die vielen Gesichter der Depression

04. November 2016
 

Überall Stagnation: Trotz intensiver Forschung lassen Durchbrüche in der Therapie der Depression seit Jahrzehnten auf sich warten (siehe Heft 10/2016). Bislang ergebnislos verlief auch die Fahndung nach einem eindeutigen biologischen Mechanismus, der der Krankheit zugrunde liegt, oder wenigstens einem Biomarker, der sie anzeigt.

„Haben wir bei dieser Störung etwas Grundlegendes missverstanden?“, fragt der belgische Depressionsforscher Eiko Fried von der Universität Löwen in einem Debattenbeitrag für das britische Journal The Psychologist. Er meint: ja. Den grundlegenden Irrtum sieht er darin, dass Diagnosemanuale die Logik medizinischer Krankheiten auf psychische Störungen übertragen: In der Medizin listet man Symptome auf, etwa Hautausschlag, Fieber, Lichtempfindlichkeit, und schließt aus deren Häufung auf eine Krankheit, die all dies verursacht: Masern. Die Symptome sind dabei nur austauschbare äußere Zeichen dieser Grunderkrankung.

Bei psychischen Störungen wie Depressionen aber ist diese Grunderkrankung nicht eindeutig identifizierbar, und die Symptome führen eine Art Eigenleben. „Der Gedanke, dass in einer Stichprobe von depressiven Menschen jeder dasselbe Leiden hat, steht im Widerspruch zu Jahrzehnten klinischer Erfahrung“, schreibt Fried. „Jüngste Studien haben die dramatische Heterogenität des depressiven Krankheitsbilds bestätigt, und wir haben unlängst bei 3703 depressiven Patienten 1030 eigenständige Symptomprofile ermittelt.“

Ein Geflecht aus Auslösern und Symptomen

Zusätzlich kompliziert werde das Ganze dadurch, dass all diese Depressionssymptome miteinander in Wechselwirkung stehen: „Schlaflosigkeit kann Erschöpfung verursachen, Grübeln bedingt Konzentrationsprobleme, und Appetitmangel führt zu Gewichtsverlust.“ Auch lösen unterschiedliche Lebensereignisse jeweils andere depressive Symptomkonstellationen aus, Trauer etwa hat ein anderes Gesicht als die Entmutigung eines Gemobbten.

Mit Studien, in denen Patienten über den Tag hinweg per Smartphone protokollieren, was ihnen widerfahren ist und wie sie sich fühlen, will Eiko Fried dieses Geflecht aus Auslösern und Symptomen besser verstehen. Ihm schwebt vor, psychische Störungen wie die Depression nicht als Kategorien, sondern als „dynamische Systeme“ zu beschreiben, ähnlich wie in den Wirtschaftswissenschaften oder der Ökologie.

Thomas Saum-Aldehoff

Quelle:
Eiko I. Fried: Depression – more than the sum of its symptoms. The Psychologist, 29/1, 2016, 42–43


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