Drei Partner-Prügel-Persönlichkeiten

24. August 2010
 

Gewalt in der Partnerschaft ist keine Einbahnstraße. Nicht immer sind die Täter männlich und die Opfer weiblich. Auch manche Frauen neigen dazu, gegenüber ihrem Ehemann oder Lebensgefährten handgreiflich zu werden. Doch folgt weibliche Beziehungsgewalt denselben Strickmustern wie männliche – oder sind Frauen auf ganz andere Weise aggressiv? Diese Frage wurde bislang kaum beleuchtet, da fast ausschließlich die männliche Beziehungsgewalt im Fokus der Forschung stand.

Ein kanadisch-amerikanisches Untersucherteam hat nun nachgewiesen, dass sich die Typologie der weiblichen Beziehungstäter nicht von jener der Männer unterscheidet. Männer wie Frauen lassen sich nach ihrer Persönlichkeit und ihrem Störungsbild drei Typen zuordnen: Sie sind antisoziale, dysphorische oder eher unauffällige Täter.

Der Psychologe Zach Walsh von der University of British Columbia und seine Mitforscher griffen bei ihrer Analyse auf die Daten einer Studie zurück, bei der das Risikoprofil und der Werdegang von Menschen untersucht worden war, die sich einer psychiatrischen Behandlung unterziehen mussten. 231 dieser Probanden – 138 Frauen und 93 Männer – waren in der Vergangenheit gegenüber ihrem Lebenspartner gewalttätig geworden. Als Vergleichsgruppe dienten 111 Frauen und 225 Männer ohne eine solche Vorgeschichte.

Aus früheren Studien weiß man, dass Psychiatriepatienten zwar häufiger sowohl als Opfer als auch als Täter von Beziehungsgewalt in Erscheinung treten als der Bevölkerungsdurchschnitt. Das Muster dieser Gewalterfahrungen ist jedoch ähnlich, sodass die Ergebnisse der Studie in Grenzen auch auf die Allgemeinbevölkerung übertragbar sein dürften.

Demnach fallen Frauen, die gegenüber ihrem Partner handgreiflich werden, in dieselben Kategorien, die man auch bei den Männern vorfand. Schlagwütige Männer wie Frauen lassen sich drei Typen mit einem jeweils charakteristischen Persönlichkeits- und Störungsprofil zuordnen:

• Antisoziale Täter und Täterinnen neigen in besonderem Maße zur Gewalttätigkeit, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Partnerschaft. Sie werden überdies oft rückfällig. Manche saßen schon wegen Gewaltdelikten im Gefängnis. In ihrer Persönlichkeit fallen diese Personen durch ein sehr niedriges Maß an „Verträglichkeit“ auf: Sie sind berechnend, aggressiv, egoistisch. Sie können und wollen sich nicht in ihre Mitmenschen einfühlen, deren Bedürfnisse sind ihnen gleichgültig. Viele suchen den Nervenkitzel, neigen zu Suchtexzessen. Sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen fällt etwa ein Fünftel der Beziehungstäter in diese Kategorie. Bei den Männern fällt auf, dass sie in der Partnerschaft nicht nur austeilen, sondern auch einstecken müssen – vielleicht, so vermuten die Autoren, weil diese Männer nach dem Muster „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ häufig an Partnerinnen von ähnlich rabiatem Wesen geraten.

• Betroffene vom dysphorischen Typ sind oft depressiv, ängstlich und gestresst. Manche haben eine Borderline-Persönlichkeit, sind also extrem stimmungslabil. Mal vergöttern sie ihren Partner, dann wieder halten sie ihn für das letzte Miststück. Diese Menschen sind ihren Gefühlsturbulenzen nicht gewachsen. Im Persönlichkeitsfragebogen zeichnen sie sich durch hohen „Neurotizismus“, also seelische Instabilität aus. Gleichzeitig sind sie introvertiert und von einer defensiven Kratzbürstigkeit. Im Streit mit dem Partner rasten sie aus, sie schlagen aus Hilflosigkeit und emotionaler Überforderung. Bei den Frauen stellt dieser Typus die stärkste Gruppe. Diese „hysterischen“ Frauen werden ihrerseits häufig Opfer von Partnergewalt. Wenn hingegen Männer dieses Typus rot sehen, teilen sie eher aus und erfahren zumindest physisch selten Gegenwehr.

• Eine vergleichsweise geringe Pathologie kennzeichnet die Frauen und Männer der dritten Kategorie. Diese Menschen präsentieren sich im Persönlichkeitsfragebogen gänzlich normal und unauffällig: nicht übermäßig neurotisch, eher extravertiert und offen für Neues, hinreichend verträglich und gewissenhaft. Es bleibt ein Rätsel, weshalb sie bei aller angeblichen Normalität dennoch auf den Partner losgehen und außerdem zu Sucht und Gesetzesverstößen tendieren. Entweder sie schilderten sich bei der Befragung nicht ganz ehrlich, oder die Ehegewalt geht in diesen Fällen stärker von Einflüssen jenseits der Persönlichkeit aus – wie etwa beengten Wohnverhältnissen oder einer schwierigen sozialen Situation.

Von Thomas Saum-Aldehoff

Quelle: Z. Walsh u.a.: Subtypes of partner violence perpetrators among male and female psychiatric patients. Journal of Abnormal Psychology, 119/3, 2010, 563–574

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