Drei Tipps gegen die Versuchung

04. März 2016
 

Im BMW-Werk München flogen vor wenigen Jahren zwei kriminelle Mitarbeiter auf. Sie hatten Autositze und andere Bauteile im Wert von mehreren Millionen Euro gestohlen. Die Diebe schmuggelten die Produkte mit dem Vermerk "Musterstück für Qualitätskontrolle" aus der Fertigung. Dieses Beispiel mag außergewöhnlich sein, ein Einzelfall ist es jedoch nicht. In Deutschland entstehen jährlich Milliardenschäden durch unethisches Verhalten, also Diebstahl, Betrug und Bestechung.

Nicht selten werden Menschen zu Tätern, weil die Gelegenheit günstig ist und ihr moralischer Kompass nicht funktioniert. Die private Post über die Firma verschicken? Das merkt der Chef nicht, und den Kollegen ist es egal. Und überhaupt: Das machen doch alle!

Was lässt sich dagegen tun? Die Psychologen Shahar Ayal und Rachel Barkan aus Israel, Dan Ariely von der Duke Universität und Francesca Gino aus Harvard haben die Fachliteratur gewälzt und drei konkrete Schritte identifiziert.

1. Erinnern. Eigentlich streben die meisten Menschen danach, sich ethisch korrekt zu verhalten. Bietet sich im Alltag jedoch die Chance auf einen unerlaubten Vorteil, vergessen viele ihre Vorsätze. Beispiel Steuererklärung. Wie leicht fallen da Tricksereien: Zum privaten Genuss gekaufte Bücher gelten plötzlich als Fachliteratur, das Wohnzimmer wird zum Arbeitszimmer. Die Finanzbeamten finden solche Schummeleien selten heraus, und wem schadet man schon?

Die Psychologen um Ayal meinen: Kleine Erinnerungen holen die guten Absichten zurück ins Bewusstsein. Ein Hinweis darauf, dass der Staat von seinen Steuereinnahmen Renten und Kindergeld zahlt, würde die Ehrlichkeit erhöhen. Das bürokratische Formular würde so unter moralischen Vorzeichen gestellt, meinen die Wissenschaftler.

2. Sichtbarkeit schaffen. Niemand betrügt gerne, wenn er beobachtet wird. Das haben Experimente immer wieder gezeigt. Moral ist etwas Soziales: Sie entsteht im Zusammenspiel von Menschen. Anonymität dagegen erleichtert unethisches Verhalten. Schummler können sich einreden, andere hätten dasselbe getan.

In Unternehmen hilft es deshalb, wenn Kollegen andere bei Fehlverhalten zur Rede stellen. Sogar eine symbolische Sichtbarkeit hilft. Ladendiebe werden von Spiegel abgeschreckt, weil sie sich dann selbst in die Augen sehen müssen.

3. Selbstverpflichtung. Auch notorische Betrüger fühlen sich hehren Grundsätzen verpflichtet. Ihr Selbstbild wird kaum durch ihr tatsächliches Handeln beeinflusst. Wer weiß, vielleicht hielten sich sogar die Diebe im BMW-Werk München für integer?

Die Lücke zwischen Schein und Sein lässt sich schließen, wenn sich Menschen ausdrücklich zu ethischem Tun verpflichten. Betrügen sie dann trotzdem, bekommt ihre innere weiße Weste Flecken. Shahar Ayal und seine Kollegen nennen als Beispiel Selbstauskünfte. Wer sein Auto versichert, muss auch den Kilometerstand angeben. Je mehr das Fahrzeug in Bewegung ist, desto höher wird die Versicherungsgebühr. Wie naheliegend ist es da für Kunden, beim Kilometerstand zu schummeln. Doch wie die Wirtschaftspsychologin Lisa Shu berichtet, hilft bereits ein kleiner Vermerk oben auf dem Fragebogen: Wer vorab zusichert, wahrheitsgemäß zu antworten, lügt anschließend tatsächlich seltener.
JK

Shahar Ayal u. a.: Three principles to revise people’s unethical behavior. Perspectives on Psychological Science, 10/6, 2015, 738–741. DOI: 10.1177/1745691615598512

Dieser Beitrag ist in etwas kürzerer Form in der Ausgabe 03/2016 von Psychologie Heute erschienen, Titelthema "Eigensinn". Weitere Meldungen zu interessanten aktuellen Studien finden Sie im Heft unter anderem in den Rubriken Themen & Trends sowie Körper & Seele. 

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