Drum prüfe, wer sich bindet

11. Oktober 2012
 

Ob, nach Schiller, „das Spröde mit dem Weichen sich vereint zum guten Zeichen“, zeigt sich oft erst nach der Hochzeit. Nicht wenige Ehen stehen von Anfang an unter keinem guten Zeichen und werden bereits in den ersten Jahren geschieden. Vorsicht ist geboten, wenn die Eheleute schon bei der Heirat Zweifel haben – vor allem, wenn die Besorgnis von der Frau ausgeht.

In einer jetzt veröffentlichten Studie haben Psychologen der University of California in Los Angeles 232 frischverheiratete junge Paare direkt nach der Hochzeit und dann in Halbjahresabständen während der ersten vier Jahre ihrer Ehe befragt. Sie stellten fest: Wer schon vor der Hochzeit Bedenken hatte, ob es denn wohl gutgehen wird, hatte tatsächlich ein höheres Scheidungsrisiko.

Unmittelbar nach der Eheschließung bejahten 47 Prozent der Männer und 38 Prozent der Frauen die Frage „Waren Sie je unsicher oder zögerlich, was die Hochzeit anging?“ Die Frauen hatten also seltener Zweifel als die Männer – doch wie sich herausstellte, fielen die weiblichen Zweifel besonders stark ins Gewicht: 19 Prozent der schon bei der Hochzeit skeptischen Frauen waren vier Jahre danach schon wieder geschieden; das waren zweieinhalbmal so viele wie bei jenen Frauen, die sich beim Jawort ihrer Sache sicher waren. Und auch bei denjenigen Zweiflerinnen, die nach vier Jahren noch verheiratet waren, fiel die Zufriedenheit mit ihrer Ehe signifikant dürftiger aus als bei den Frauen, die mit einem sicheren Gefühl geheiratet hatten.

Bei den jungverheirateten Männern waren die Bedenkenträger ebenfalls scheidungsgefährdeter als die Zuversichtlichen, wenn auch nicht so deutlich wie bei den Frauen: 14 Prozent der zweifelnden gegenüber 9 Prozent der vertrauensvollen Bräutigame wurden innerhalb der ersten vier Ehejahre geschieden. Waren beide Partner, Frau und Mann, vor der Heirat argwöhnisch, so hielt die Ehe sogar in jedem fünften Fall keine vier Jahre lang. Waren hingegen beide Partner auf dem Standesamt voller Zuversicht, so scheiterte die Ehe nur in einem von 17 Fällen.

„Die Paare denken oft, dass niemand vor einem solchen Schritt von Zweifeln frei ist, und dass man sich darum keine Sorgen machen sollte“, sagt Justin Lavner, der Erstautor der Studie. „Doch wie wir feststellten, sind Zweifel vor der Ehe zwar verbreitet, aber keineswegs harmlos.“ Dieses ungute Gefühl sei ein Warnzeichen, das die Betreffenden besser ernst nehmen sollten, warnt der Psychologe. „Man sollte nicht davon ausgehen, dass Liebe die Zweifel schon hinwegwischen wird. Es gibt keinerlei Hinweise, dass Probleme in der Ehe nachlassen oder verschwinden. Eher tendieren sie dazu zu eskalieren.“

Auch Psychologieprofessor Thomas Bradbury, der die Studie beaufsichtigte, mahnt heiratswillige Paare, ihre Bedenken nicht leichtsinnig wegzuwischen. „Glauben Sie, dass die Zweifel sich in Luft auflösen, sobald Sie eine Hypothek und zwei Kinder haben? Sie sollten nicht darauf zählen!“ Zwar raten die Psychologen unsicheren Paaren nicht prinzipiell von der Hochzeit ab. Doch „es ist die Sache wert zu erkunden, was genau einen so nervös macht“, empfiehlt Lavner. Und dann solle man gemeinsam mit dem Partner all diese potenziellen Stolpersteine der Beziehung inspizieren, bevor man das Aufgebot bestellt.

Oder wie Friedrich Schiller reimte: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet! Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang.“

Thomas Saum-Aldehoff

Quelle: University of California, Los Angeles, via EurekAlert
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