E-Mail ist das Medium der großen Gefühle

11. September 2015
 

Wie ist das heutzutage? Findet Liebesgeflüster noch immer am Telefon statt („Hier hast du meine Nummer!“)? Oder schickt man sich lieber eine schmachtende „Voicemail“, eine Sprachnotiz per WhatsApp? Auf jeden Fall keine E-Mail! Nach allem, was man teenagerseits so hört, gilt dieses Medium erstens als hoffnungslos veraltet und unangesagt. Und zweitens sei es in Herzensangelegenheiten ohnehin unbrauchbar, da einfach zu profan, allenfalls für Geschäftspost geeignet.

Unabhängig von Zeitgeistmoden hält sich beim Publikum, aber auch in der Forschung hartnäckig das Dogma, dass man sich am besten mündlich austauscht, sobald es persönlich und emotional wird. Die Stimme, so heißt es, transportiert so viel mehr, als die Worte allein dies vermögen. Wenn Gefühle ins Spiel kommen, sei reden Gold und schreiben (neudeutsch: texten) nicht mal Silber.

Doch wie sich herausstellt, stimmt das so gar nicht. Eine neue Studie belegt: Gerade bei romantischen Mitteilungen ist eine E-Mail mit nichts als Text das ideale Medium: emotionaler, tiefer und nuancenreicher als das gesprochene Wort! Alan Dennis von der Indiana University und Taylor Wells von der California State University baten 72 junge Erwachsene, entweder eine E-Mail oder eine Voicemail zu hinterlassen, und zwar mal nüchternen und mal romantischen Inhalts. Währenddessen maßen Sensoren die Bewegungen der Ausdrucksmuskulatur im Gesicht der Probanden. Zusätzlich erfasste ein Fühler an der Innenseite des Fußes das physiologische „Arousal“, also wie sehr die Verfasserinnen und Verfasser beim Anfertigen der Nachricht körperlich in Wallung kamen.

Das überraschende Ergebnis: Selbst bei prosaischen Zweckmitteilungen, vor allem aber bei Botschaften romantischen Inhalts waren die Teilnehmer physiologisch stärker auf Trab, wenn sie eine E-Mail schrieben, als wenn sie eine Sprachnotiz aufsagten. Das galt für Frauen und Männer gleichermaßen. Noch verblüffender war, was der protokollierte Gefühlsausdruck im Gesicht offenbarte: Verfassten die Probanden eine nüchterne Nachricht, drückte ihre Miene beim E-Mail-Schreiben tatsächlich weniger häufig freundliche Gefühle aus als beim Aufsagen der Sprachnotiz. Waren sie hingegen mit einer Liebesbotschaft zugange, zeigten sie mehr Gefühl, wenn sie sich dem oder der Liebsten per Mail offenbarten. Und das, obwohl (oder weil?) die Studienteilnehmer in ihren Mails kaum Gebrauch von „Emoticons“ machten, also den üblichen Grinsegesichtern, mit denen man heute so gerne seine Mitteilungen verziert.

Studienleiter Alan Dennis hat die Emotionalität von E-Mails selbst überrascht. Er erklärt sie sich damit, dass die Teilnehmer beim Schreiben mehr Muße hatten, ihre Gefühle zu explorieren. „Eine Voicemail erstellt man in einem Stück“, sagt Dennis. „Man kann sie senden, verwerfen und neu aufnehmen, aber man kann sie nicht editieren. Für das E-Mail-Schreiben braucht der Verfasser hingegen mehr Zeit und denkt vielleicht tiefer über das Mitzuteilende nach.“ Diese Selbsterkundung wirkt offenbar anregend und führt dazu, dass man körperlich und psychisch mehr bei der Sache ist.

Es ist also keineswegs gesagt, dass Gefühle am authentischsten rüberkommen, wenn man sie spontan übermittelt. Gerade wenn man jemandem mitteilen will, was man für sie oder ihn empfindet, könnte es sich lohnen, etwas Zeit und Anstrengung zu investieren, um seine Gefühle zu sondieren und so wahrhaftig wie möglich auszudrücken. Dies kühlt die Empfindungen keineswegs ab, sondern steigert sie sogar, wie die Studie zeigt.

Und all dies lässt sich beim „langsamen Verfertigen der Gedanken“ in einem Text eben besser bewerkstelligen als in einer spontanen gesprochenen Äußerung. Die Studienautoren Dennis und Wells finden jedenfalls, es sei an der Zeit, gängige Stereotype über E-Mails und andere vermeintlich profane Textnachrichten zu überdenken. Ist es nicht merkwürdig, dass man in unserer Kultur so rasch vergessen zu haben scheint, wie leidenschaftlich es sich mit dem Medium Schrift kommunizieren lässt? Es gab da mal eine Einrichtung, wie nannte sie sich doch gleich? Ach ja: Liebesbrief.

Thomas Saum-Aldehoff

Taylor M. Wells, Alan R. Dennis: To email or not to email: The impact of media on psychophysiological responses and emotional content in utilitarian and romantic communication. Computers and Human Behavior, 54/1, 2016 (online vor Print). DOI: 10.1016/j.chb.2015.07.036
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