Endlich aufgedeckt: Saisonale Ohrenverstümmelung

13. April 2017
 

Kathleen Yaremchuk war alarmiert. Immer wieder waren der Hals-Nasen-Ohren-Ärztin aus Farmington im US-Bundesstaat Maine anekdotische Berichte, bisweilen auch mit Fotobelegen, untergekommen. Sie kündeten von massenhaften „traumatischen aurikularen Amputationen“, also verstümmelten oder gänzlich abgetrennten Ohren bei Schokoladenhasen. Diese beunruhigenden Vorkommnisse, die in saisonaler Häufung im Frühjahr aufzutreten schienen, ließen Yaremchuk keine Ruhe. Gemeinsam mit ihren Forschungskollegen Vigen Darian, einem plastischen Chirurgen (zu diesem Thema später mehr), und Amy Williams, einer Internistin, ist sie dem Phänomen in einer Online-Recherchestudie nachgegangen.

Die drei Forscher durchforsteten mithilfe der Suchmaschine Google sämtliche von Januar 2012 bis Januar 2017 im Internet hinterlegten Texte und Bilder mit Suchbegriffen wie „Schokolade“, „Hase“, „Häschen“, „Kaninchen“, „Ohren“ und „Amputation“ nach Hinweisen auf einschlägige Verstümmelungen. Diese Daten unterzogen sie einer statistischen Tiefenanalyse auf saisonale Häufungen und sonstige Muster.

Nur die Spitze eines Eisbergs

Das Ergebnis war so eindeutig wie erschütternd: Ohrenamputationen waren keine Einzelfälle, sondern traten in einer Häufung von 531 Fällen pro 100.000 Schokoladenhasen auf – wobei dies nach Überzeugung der drei Forscher nur die Spitze des Eisbergs ist: Die Google-Recherche brachte ja nur die dokumentierten Fälle ans Licht, so dass mit einer sehr hohen Dunkelziffer zu rechnen ist.

Interessanterweise wiesen Yaremchuk und ihre Kollegen eine statistisch hochsignifikante Häufung der Verstümmelungsfälle im Frühjahr nach, präziser zwischen Ende März bis Mitte April. Weitere Berechnungen mithilfe von Mapping-Techniken ergaben eine steile Jahresspitze rund um die Osterfeiertage.

Die Suchmaschinenrecherche lieferte auch handfeste Hinweise auf die Täter: Der Ohrenverbiss an den Hasen ging überwiegend, wenn nicht ausschließlich auf das Konto menschlicher Fressfeinde im Erwachsenen- und Kindesalter. Nähere Angaben zu Alter, Geschlecht oder Body-Mass-Index der Verursacher berichten die Autoren indes nicht.

Hintergründe eines grausamen Rituals

Dafür liefert die Studie einen Fingerzeig, der die Hintergründe des grausamen Rituals erhellen könnte: Die Ohrenverstümmelungen korrelierten jahreszeitlich mit dem Absatz von Süßigkeiten in der Osterzeit. Analog der Verbreitung von Infektionskrankheiten führen die Mediziner die saisonale Häufung der Verstümmelungen daher auf einen „Anstieg der Population von Schokoladenhasen, die in Kontakt mit Menschen kommen“, zurück. Im Detail wären zwei Erklärungsmodelle denkbar: Entweder gibt der sprunghafte Anstieg der Schokoladenhasen rund um die Osterzeit den menschlichen Räubern einfach mehr Gelegenheit zur Jagd und Verstümmelung ihrer Beute. Oder die Menschen zeigen auch unabhängig davon ein saisonales Schokoladenhasenjagd- und -verzehrverhalten, das sich beinahe ausschließlich auf die Zeit rund um Ostern beschränkt.

Die drei Mediziner diskutieren ferner chirurgische Techniken, mit denen den beklagenswerten Opfern geholfen und die amputierten Körperteile ganz oder teilweise ersetzt werden könnten. Sind mehr als zwei Drittel eines Hasenohres abgebissen, sei eine totale Rekonstruktion die sinnvollste Option. Obwohl chirurgische Hilfe relativ gut und günstig möglich sei, bezweifeln die Autoren die Nachhaltigkeit und damit den Nutzen eines solchen Unterfangens. Denn ihre Recherchen erhärten einen weiteren, noch schlimmeren Verdacht: Zwar beginnen laut einer Befragung zwischen 59 und 89 Prozent der menschlichen Fressfeinde ihren Schokoladenhasenverzehr bei den Ohren. Doch Beobachtungen zufolge unterliegt über kurz oder lang oft auch der Rest des Hasen dem nämlichen schrecklichen Schwund.

Thomas Saum-Aldehoff

Kathleen Yaremchuk u.a.: Seasonality of auricular amputations in rabbits. The Laryngoscope, 127/4, 2017, 773–775. DOI: 10.1002/lary.26582

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