Erkennen Sie dieses Gesicht?
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Dem Himmel sei Dank: Der Patient hat den Schlaganfall überlebt. Doch als er im Krankenhaus aus der Bewusstlosigkeit erwacht, ist nichts mehr wie zuvor. Vertraute Gesichter sind ihm plötzlich fremd, nicht einmal seine Frau und seine Kinder erkennt er wieder. Der Mann leidet an einem Hirndefekt namens Prosopagnosie: Gesichtsblindheit. Die Störung ist zwar bereits seit dem 19. Jahrhundert bekannt, doch sie galt bis vor kurzem als extrem selten. Die Aufmerksamkeit richtete sich auf jene drastischen Fallgeschichten, in denen Patienten die Fähigkeit zur Gesichtserkennung nach einer Schädigung des Gehirns, etwa durch einen Schlaganfall oder einen Unfall, von einem Augenblick auf den anderen abhanden kam.
Inzwischen aber stellt sich heraus, dass nicht wenige Menschen bereits von Geburt an große Schwierigkeiten haben, Gesichter zu erkennen und ihre Mitmenschen anhand ihres Antlitzes zu unterscheiden. Diese angeborene Teilleistungsstörung betrifft mehr als zwei Prozent der Bevölkerung, wie die Psychologen Claus-Christian Carbon und Thomas Grüter von der Universität Bamberg jetzt in einem Beitrag für das Wissenschaftsmagazin Science feststellen.
Diese Form der Gesichtsblindheit ist erblich, die Kinder leiden daran von Geburt an. Die Störung betrifft ein wichtiges „Wahrnehmungsmodul“ des Gehirns, das ausschließlich für die Gesichtererkennung zuständig ist. Dieses Netzwerk umfasst Areale im Schläfen-, Hinterhaupts- und Stirnlappen. Den Eltern fällt diese Wahrnehmungsschwäche oft lange Zeit nicht auf, denn Neugeborene sind ohnehin Anfänger im Gesichtererkennen. Die Fähigkeit, individuelle Gesichtszüge auseinanderzuhalten, reift ganz allmählich im Laufe der Zeit, und erst im Alter von zwölf Jahren ist sie voll entwickelt.
Auch die Betreffenden selbst seien sich – oft noch im Erwachsenenalter – ihres Handicaps häufig nicht wirklich bewusst, sagt Carbon. Denn ähnlich wie ein Farbenblinder sehen sie keinen Anlass, ihre Wahrnehmung infrage zu stellen – sie kennen ja nur ihre subjektive Sicht der Welt und wissen nicht, wie die anderen sie sehen. Nicht selten, so der Psychologe, erklären sich diese Menschen ihre Defizite mit der entmutigenden Feststellung, dass sie eben nicht intelligent oder aufmerksam genug seien.
Zudem entwickeln die Betroffenen mit den Jahren eine Reihe von Kniffen und Strategien, um ihr Gesichtserkennungsmanko zu kompensieren. Insbesondere konzentrieren sie sich auf andere charakteristische Merkmale einer Person wie etwa die Stimme, die Figur, die Frisur, den Gang, die Kleidung, ein bestimmtes Muttermal oder andere typische Kennzeichen. Eine seiner Patientinnen, erzählt Claus-Christian Carbon, habe ihm einmal den untrüglichen Erkennungsmarker verraten, anhand dessen sie ihn zuverlässig identifiziere: Es war der winzige Buchstabe „P“ auf seinen unvermeidlichen Pierre-Cardin-Socken.
Trotz vieler solcher cleverer Kompensationsleistungen dürfe man nicht unterschätzen, welch schwere Alltagshürden und „tragischen sozialen Konfliktstoff“ die Störung im Gepäck habe, sagt Carbon. Man stelle sich einmal vor: Da lernt man auf einer Tagung einen interessanten Kollegen kennen und unterhält sich lange und angeregt mit ihm. Zwei Stunden später läuft man dem Mann dann erneut über den Weg – und geht achtlos an ihm vorbei, weil man ihn schlicht nicht wiedererkannt hat. Der Eindruck, den dieses Verhalten auf den Ignorierten macht, ist natürlich fatal: „Arroganter Schnösel“, denkt er wütend, in Verkennung der Tatsachen.
In ähnlich peinliche Situationen geraten Menschen mit einer Prosopagnosie in ihrem Alltag immer wieder, „und so haben die meisten einen ganzen Satz vorbereiteter Entschuldigungen parat, wenn sich jemand beschweren sollte“, schreibt Carbons Kollege Thomas Grüter auf seiner Website www.prosopagnosie.de. Wohl dem, der in solchen Lagen einen diskreten Souffleur zur Seite hat – so wie der britische Premierminister Robert Cecil (1830–1903), der ebenfalls extreme Schwierigkeiten mit dem Wiedererkennen vertrauter Gesichter hatte. Einmal bemerkte er bei einer Hofzeremonie einen jungen Mann, der ihm vertraut zulächelte. Wer dieser junge Mensch denn sei, erkundigte er sich daraufhin flüsternd bei seinem Nachbarn. „Ihr ältester Sohn“, belehrte ihn dieser.
Um den Cecils von heute möglichst früh und eindeutig Klarheit über ihre Störung zu verschaffen und ihnen gezieltere Hilfen zukommen zu lassen, arbeiten Carbon und Grüter in ihrem Bamberger Labor unter anderem an gezielten Diagnostik- und Trainingsmethoden, die auf Prosopagnostiker zugeschnitten sind. Sie untersuchen etwa, anhand welcher Merkmale sich ihre Probanden Fotos von Gesichtern einprägen, und vergleichen dabei das Muster ihrer Augenbewegungen mit dem von gesunden Teilnehmern.
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