Facebook und die Einsamkeit

24. Oktober 2014
 

Macht Facebook einsam, oder ist es im Gegenteil ein Medium, das uns noch stärker mit den Menschen verbindet, die uns wichtig sind? Auch in der Forschung wird über diese Frage kräftig diskutiert.

Es gibt plausible Begründungen für beide Positionen, meint die Kommunikationsforscherin Hayeon Song von der University of Wisconsin-Milwaukee: „Wenn Menschen so viele Stunden mit einer Maschine verbringen, hält sie das dann davon ab, echte Verbindungen mit anderen zu knüpfen? Oder erlaubt Facebook Menschen, die schüchtern oder im sozialen Umgang ungeschickt sind, Kontakte mit anderen auf eine Weise herzustellen, die ihnen mehr entgegenkommt als eine Kommunikation von Angesicht zu Angesicht?“

Die Forschungsbefunde zu dieser Streitfrage sind ebenso konträr wie die Positionen: Manche Studien sprechen dafür, dass Menschen umso einsamer sind, je mehr Zeit sie mit Facebook verbringen. In anderen Untersuchungen hingegen wurde der umgekehrte Zusammenhang ermittelt.

Um mehr Licht ins Forschungsdickicht zu bringen, nahmen Song und ihr Team die Fleißarbeit auf sich, per Stichwortsuche und gezielter Nachfragen bei Forschungsgruppen die Daten sämtlicher Studien zu Facebook und Einsamkeit zusammenzutragen, derer sie nur irgendwie habhaft werden konnten. Dann unterzogen sie all diese Daten einer Metaanalyse, sie vereinigten all die Studien also zu einer gigantischen Megastudie.

Und das Ergebnis lautet: Zwischen Facebook und Einsamkeit gibt es eine „positive“ Beziehung; beides geht also tatsächlich Hand in Hand. Je mehr Zeit jemand mit Facebook verbringt, desto einsamer ist sie oder er – zumindest statistisch.

Also steht nun fest: Facebook macht einsam? Nicht wirklich, so Song, denn es bleibt wie so oft die Frage nach Henne und Ei: „Macht Facebook die Leute einsam, oder fühlen sich einsame Menschen mehr von Facebook angezogen?“

Die Daten sprechen eher für die letztere Alternative, meint die Forscherin. Einsame Menschen sitzen von vornherein länger vor dem Facebook-Schirm. Offenbar versuchen sie auf diesem Weg, ihr Gefühl des Ausgeschlossenseins zu kompensieren. Für gesellige Leute hingegen ist Facebook nur ein weiterer Kanal, auf dem sie ihre ohnehin vielfältigen sozialen Kontakte noch intensiver pflegen können.

Leute, die sowieso gut vernetzt sind, festigen also via Facebook ihre Freund- und Bekanntschaften noch mehr. Gelingt dasselbe auch den Einsamen, wenigstens ein bisschen? Song fürchtet, dass das nicht der Fall ist. Eine der analysierten Studien deute sogar darauf hin, dass Facebook für Einsame zu einem Teufelskreis werden kann: Das Medium erlaubt ihnen, die Mühen realer sozialer Interaktionen abzuschütteln, vor denen sie so viel Bammel haben. Deshalb bleibt ihnen der gefühlsaufhellende Benefit echter Begegnungen verwehrt, und je mehr sie realen Kontakten ausweichen, desto stärker fürchten sie sich davor.

Mit Facebook ist es halt wie so oft im Leben, philosophiert Hayeon Song: „Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer.“

Thomas Saum-Aldehoff

Quelle: University of Wisconsin-Milwaukee via ScienceDaily
Originalstudie:
Hayeon Song, Anne Zmyslinski-Seelig, Jinyoung Kim, Adam Drent, Angela Victor, Kikuko Omori, Mike Allen: Does Facebook make you lonely? - A meta analysis. Computers in Human Behavior, 36/446, 2014, DOI: 10.1016/j.chb.2014.04.011
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