Fast jeder ist mal seelenkrank

14. Juli 2017
 

Nur jeder Sechste bleibt bis zur Lebensmitte durchgängig psychisch gesund. Das legt die Auswertung von Daten aus einer Langzeitstudie in Neuseeland nahe.

Es ist normal, zeitweise nicht normal zu sein. Nur 17 Prozent der Menschen entwickeln zumindest in der ersten Lebenshälfte keine psychische Störung, alle anderen dagegen schon. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forscherteam, das Daten einer neuseeländischen Langzeitstudie ausgewertet hat.

Knapp 1000 Einwohner der Stadt Dunedin werden seit ihrer Geburt alle paar Jahre untersucht. Das ist praktisch ein ganzer Geburtsjahrgang und somit repräsentativ. Gut 40 Prozent waren bei einer oder zwei der sechs Erhebungen psychisch erkrankt, ebenso viele sogar zu mindestens drei Zeitpunkten.

Risikofaktoren allein erklären Betroffenheit nicht

Nur bei dieser am häufigsten betroffenen Gruppe fanden sich in der Kindheit die bekannten Risikofaktoren: Geburtskomplikationen, Armut, Misshandlung, Verlust eines Elternteils, niedriger IQ, geringe Selbstkontrolle und psychische Störungen in der Verwandtschaft. Die meisten Risikofaktoren erklären jedoch nicht, wer gelegentlich psychisch krank ist und wer nie.

Die dauerhaft Gesunden kamen nicht besonders häufig aus einem bessergestellten Elternhaus, ihre Geburt war nicht problemloser verlaufen als die von anderen, und sie waren als Kinder weder besonders gesund noch besonders schlau gewesen.

Allerdings entstammten die von psychischen Störungen Verschonten oft Familien, in denen solche Erkrankungen selten auftraten. Sie waren als Kinder beliebt und hatten mehr Freunde. Sie verfügten schon früh über ein großes Ausmaß an Selbstkontrolle und neigten nicht zu negativen Gefühlen.

Psychische Krisen sind für viele wie eine Grippe

Die meisten der psychisch Robusten waren recht glücklich, auch mit ihren Beziehungen. Eine Glücksgarantie hatten aber auch sie nicht. Immerhin ein Viertel von ihnen war mit dem eigenen Leben unterdurchschnittlich zufrieden.

Beim großen Rest der Stichprobe – und das trifft dann wohl auch auf das Gros von uns allen zu – wurde das Lebensglück immer wieder von psychischen Erkrankungen überschattet. Meist blieb es aber bei Episoden.

Solche psychischen Krisen sind für viele "wie eine Grippe, Bronchitis, Blutarmut, Nierensteine oder ein Knochenbruch", so die Autoren. Sie schränken zwar das Leben ein, und viele Betroffene suchten medizinische Hilfe "aber die meisten erholen sich".

Jochen Paulus/ EMT

Jonathan D. Schaefer: Enduring mental health: Prevalence and prediction. Journal of Abnormal Psychology, 126/2, 2017, 212–224. DOI: 10.1037/abn0000232 (Abstract)

 

Dieser Beitrag ist in leicht veränderter Form in der Ausgabe 08/2017 von Psychologie Heute erschienen, Titelthema "Ich lass mir Zeit!".

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