Füllige Figuren regen den Appetit an

16. Juli 2015
 

Viele Zeichentrickfiguren haben etwas mehr auf den Rippen. Das macht sie einerseits menschlich, andererseits kann ihre Leibesfülle auch eine ungesunde Ernährung fördern.

Kater Garfield verspeist am liebsten große Mengen Lasagne, Gallier Obelix verschlingt gerne mal ein Wildschwein, Fred Feuerstein würde auf Bronto-Burger nur ungern verzichten, und Homer Simpson schätzt Donuts besonders. Bei Kindern beliebte Zeichentrickfiguren wie diese teilen nicht nur den Appetit auf fette Speisen. Ihre mitunter beachtliche Leibesfülle kann ihre kleinen Zuschauer auch zu ungesunder Ernährung animieren.

Wissenschaftler um Margaret Campbell von der amerikanischen University of Colorado at Boulder  zeigten in mehreren Experimenten mit Schülern im Alter von acht bis knapp 13 Jahren, dass allein das Bild einer dicken Comic-Figur zu entsprechendem Verhalten führen kann. Betrachten Kinder eine solche Zeichnung, werden dabei offenbar Gedanken ausgelöst, die sich mit dem Klischee Übergewichtiger beschäftigen – was die Teilnehmer der Studie anschließend in genau dieser Richtung handeln ließ.

Im ersten Experiment zeigten die Forscher den 60 Probanden im Durchschnittsalter von 12,9 Jahren je nach Versuchsgruppe ein Bild von einer pummeligen Figur, einer ähnlichen normalgewichtigen Figur oder einem neutralen Reiz, in diesem Fall einen Becher. Anschließend füllten sie unter anderem einen Fragebogen zum Gebrauch des Druckers zu Hause aus, notierten die ersten drei Gedanken, die ihnen bei dem Bild in den Sinn kamen und nahmen sich anschließend angebotene Süßigkeiten aus zwei Schüsseln mit abgezählten Inhalten.

Mehr als doppelt so viele Süßigkeiten

Dabei listete die Hälfte der Teilnehmer in der „fetten“ Bedingung zum Stereotyp der Übergewichtigen passende Gedanken auf, während das nur eine Person in der „normalgewichtigen“ Gruppe tat sowie keiner der Becher-Probanden. Die Kinder, die die mopsigen Figuren betrachtet hatten, bedienten sich zudem stärker an den Süßigkeiten. Sie steckten im Schnitt 3,8 Stück ein und damit mehr als doppelt so viel wie die anderen.

Ein zweites, fast gleich ablaufendes Experiment mit 74 Versuchspersonen ergab, dass dieser Effekt auch dann eintritt, wenn den Kindern zeitgleich die Bilder von dem dicken und dem normalgewichtigen Charakter präsentiert werden. Das Klischee vom Dicksein scheint  also auch in diesem Fall die Gedanken und das Handeln zu dominieren.

In der dritten Untersuchung schließlich zeigten die Wissenschaftler auch einen Weg auf, wie sich das ungesunde Verhalten verhindern lässt: Sie aktivierten bei einem Teil der 167 teilnehmenden Schüler deren Gesundheitswissen, indem sie sie anhielten, aus sechs Wort-Bild-Paaren jeweils die gesündere Option zu wählen (zum Beispiel „genug Schlaf bekommen“ oder „Fernsehen“, „Limonade“ oder „Milch“).  Dann wurde den Kindern wieder ein Bild einer dicken oder nicht dicken Cartoon-Figur vorgelegt, anschließend durften sie unter anderem maximal sechs Kekse in einem Geschmackstest beurteilen.

Gesundheitswissen vor und beim Essen aktivieren

Tatsächlich ordneten die Betrachter des pummeligen Geschöpfs diesem ungeachtet gestellter oder nicht gestellter Fragen mehr „ungesunde“ Eigenschaften zu, was die Forscher als Beleg deuten, dass tatsächlich das entsprechende Stereotyp-Wissen aktiviert wurde. Bezüglich der verspeisten Kekse zeigte sich ohne die Gesundheitsfragen vorab das gleiche Bild wie in den anderen beiden Experimenten: Die Kinder in der Übergewichtigen-Bedingung aßen im Schnitt mehr Kekse als die anderen. Die vorherige Beantwortung der Fragen hingegen führte dazu, dass dieser Effekt nicht mehr auftrat.

Die Autoren des Artikels raten insbesondere Schulen deshalb, sich Wege zu überlegen, das Gesundheitsbewusstsein der Kinder bei der Essensauswahl und dem Essen selbst zu aktivieren. Für eine gesicherte Aussage müssten ihre Experimente allerdings auch noch bei gesundem Essen überprüft werden, da sie ihren kleinen Probanden nur Süßes anboten. 

Erwachsene neigen laut früheren Studien ebenfalls dazu, sich einem Klischee entsprechend zu verhalten, wenn sie dem zugehörigen Rollenbild zuvor ausgesetzt waren, und sie essen auch mehr Süßigkeiten und Kekse, wenn sie vorher eine übergewichtige Person betrachtet haben.

Eva-Maria Träger

Margaret C. Campbell u. a.: Kids, cartoons, and cookies: Stereotype priming effects on children's food consumption. Journal of Consumer Psychology, 2015, online vor Print. DOI: 10.1016/j.jcps.2015.06.003 (Abstract)

 

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